Berührender Brief der Blutbuche

Der Torso der etwa 185-jährigen Blutbuche. - Foto: Stadt Bad Homburg

18. Oktober 2026

Bad Homburg v. d. Höhe (ut). Am vergangenen Freitag, 16. Oktober, erreichte unsere Redaktion ein sehr ungewöhnlicher „Leserbrief“, der uns überaus gerührt hat. Daher möchten wir ihn der Öffentlichkeit nicht vorenthalten:

Hallo, ihr lieben Menschen, heute wende ich mich erneut an euch.

Geraume Zeit ist seit meinem letzten Brief vergangen und das Alter, das Leben und die Witterung haben weitere Spuren an mir hinterlassen. Stück für Stück, Ast um Ast, Stammabschnitt für Stammabschnitt weicht mein Leben. Mir brechen buchstäblich immer weitere Zacken aus der Baum-Krone.

Während sich mein Leben also seinem Ende neigt, hat sich unter mir ein Biotop entwickelt. Neben einem Hasen sind noch ganz viele Kleintiere und Insekten in dem eingefriedeten Bereich auf meiner Kurpark-Wiese – aber auch in mir – eingezogen. Hier herrscht Frieden im natürlichen Sinne. Auch meine Einfriedung ist in die Jahre gekommen und kann in ihrer jetzigen Form nicht erhalten bleiben. Es ist nun also an der Zeit abzutreten und Platz zu für das neue Leben zu machen, dass nur darauf wartet, Raum einzunehmen. Unter mir stehen schon einige meiner Kinder, um in Erscheinung zu treten und sich zeigen zu dürfen. Damit ist es für mich an der Zeit abzutreten.

Doch zuvor möchte ich mich zum einen für eure Aufmerksamkeit und Geduld bedanken, gleichzeitig aber auch um Aufmerksamkeit und Geduld für all das bitten, was nun geschieht.

Mein mir vertrauter Baumsachverständiger vom Betriebshofs und Baumpfleger haben mir nochmal Entlastung angedeihen lassen. So wurden mir die bereits mehrfach abgebrochenen Stämmlingsglieder nun doch zu schwer und eine Bürde, zumal ich nicht mehr in der Lage bin, diese zu halten. Das ist eine Gefahr für meine Nachkommen. Daher wurden die Stämmlinge eingekürzt und ich kann nun – ein wenig leichter und kleiner – noch stehen bleiben und beobachten, wie sich die Natur unter fachkundiger Hilfe erneuern kann.

Darüber wache ich dann als „Torso“; die abgetrennten Lasten dürfen unter mir sanft abgelegt vergehen.

Wie wird es jetzt weitergehen?

Ich habe gelauscht, und ich kann euch sagen, dass man mein Umfeld behutsam und sanft wieder in den Park zurückintegrieren. Meine Nachkommen sollen doch hier wieder zu Raumakteuren im Sinne eines Landschaftsparks werden. Um dies zu bewerkstelligen, muss natürlich mit gärtnerischem Geschick lenkend Hand angelegt werden.

Ich habe da vollstes Vertrauen und bin sehr gespannt…

Es grüßt euch,
eure alte Blutbuche

Im Februar 2022 schrieb die Blutbuche bereits:

Hier stehe ich. Ja, hier gleich unterhalb des Schmuckplatzes – bin ein alter betagter Baum, eine Blutbuche, die schon so manchen Sturm erlebt, widerstanden, aber auch bereits erhebliche Zerzausungen und Verletzungen davontragen musste.

Unter mir, und da kann ich mich noch wirklich sehr genau daran erinnern, hat bereits zu Zeiten des Schwarz-Weiß-Films Marika Röck getanzt. Um mich herum wurde gemäht und geschnitten. gepflegt und gegärtnert. Es wurden sogar schon einige Male Kunstwerke in meiner Nachbarschaft aufgestellt.

Das Laub einer Blutbuche. – Foto: Bild von IlonaBurschl auf Pixabay

Mein Laub ist tiefrot, blutrot, deshalb bin ich eine Blutbuche. Bei mir ist es als Baum ganz anders als bei den Menschen. Ich verfalle und sterbe langsam, mir bricht ein um die andere Zacke aus meiner einst stolzen Krone: Äste, die ich einfach nicht mehr tragen kann. Doch während dieser Jahre meines Sterbens, ja gerade dann ist bei mir besonders viel los. So viele Insekten und Kleintiere und so viele Pilze und Flechten begleiten mich in meiner letzten Zeit. So kann ich zum Ende hin noch einmal eine Grundlage für das Leben sein.

Erstaunlich finde ich, und dankbar dafür bin ich, dass ich die Möglichkeit bekomme, nicht durch Motorsägen und Großmaschinen einfach abgeräumt zu werden,. Die Fachleute empfahlen, mich doch in meinem Verfall stehen zu lassen und nur dafür zu sorgen. dass durch meine nicht mehr ausreichende Stand-·und Bruchsicherheit niemand zu Schaden kommen kann. Dafür hat man einen Zaun um mich herum aufgestellt.

So können sogar noch viel mehr Tiere und Pflanzen unter meinen altersschwachen und brüchigen Armen einen Rückzugsort und Lebensraum finden. Dadurch kann der Gefahrenbereich, aber auch der wertvolle ökologische Raum nicht mehr betreten werden. Es ist für mich ein Privileg, in einer angelegten historischen und besonderen Parkanlage natürlich vergehen zu dürfen. In der Naturschutzsprache nennt man mich nun noch ehrfürchtiger „Habitat“ und „Biotop“

Ach, ihr lieben Parkbesucher, ich erzähle dies in der Hoffnung, dass ihr meine alte zerbrechende Erscheinung nun ein wenig mehr zu schätzen bereit seid, auch wenn ich vielleicht manchen ästhetjschen Eindruck ein wenig stören mag.

Auf bald, ich freue mich schon auf das nächste Frühjahr und euch als Besucher. Ob jung oder alt. Denkt daran, aus allem Sterben entspringt wieder das Leben – dies ist der ewige Kreislauf! Mal schauen, wie lange ich den Wettern noch standhalten kann.

Es grüßt euch
Eure alte Blutbuche