50 Jahre Kinderhaus

Ein halbes Jahrhundert Ankommen, Mitmachen und Zusammenwachsen

Ein Blick auf die Fotowand macht deutlich, wie viele Kinder und Familien schon von der Einrichtung profitiert haben. - Foto: Stadt Oberursel

1. September 2026

Oberursel (ut). Das Kinderhaus feierte mit einem Fest am 29. August 2026 ein ganz besonderes Jubiläum: Seit 50 Jahren gibt es in der Brunnenstadt einen Ort, an dem Kinder und Familien willkommen sind – unabhängig von Herkunft, Sprache, Lebenslage oder Unterstützungsbedarf. Seit seiner Gründung im Jahr 1976 steht das Kinderhaus für offene, niedrigschwellige Kinder- und Familienarbeit, für gelebte Vielfalt und für konkrete Unterstützung im Alltag.

Was damals als studentische Initiative und städtische Spielstube in einer kleinen Einliegerwohnung im Nebengebäude des damaligen Kindergartens Eschbachweg begann, hat sich über fünf Jahrzehnte zu einer festen und unverzichtbaren Einrichtung in Oberursel entwickelt. Seit 2002 befindet sich das Kinderhaus im Jean-Sauer-Weg 2 im Camp King. Schon früh war der Ansatz besonders: keine komplizierten Anmeldemodalitäten, ein niedrigschwelliger Zugang, keine Gebührenpflicht und ein besonderer Blick auf den individuellen Förderbedarf von Kindern und ihren Familien. Voraussichtlich im Jahr 2028 wird das Kinderhaus seinen Standort wechseln mit dem Ziel, die bewährte Arbeit verlässlich fortzuführen.

Bürgermeisterin Antje Runge gratuliert: „Zum 50-jährigen Bestehen gratuliere ich dem Kinderhaus, seinem engagierten Team und allen, die diese besondere Einrichtung über Jahrzehnte begleitet und mit Leben gefüllt haben, von Herzen. Schon am Eschbachweg war das Kinderhaus nicht nur ein Ort der Betreuung und Unterstützung, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt für Kinder und Familien. Mit dem Umzug ins Camp King im Jahr 2002 wurde diese Funktion fortgeführt und weiterentwickelt: Hier entstanden Räume für Austausch, gemeinsames Lernen, Unterstützung von Familien und gelebte Nachbarschaft. Das Kinderhaus ist damit seit 50 Jahren zugleich ein unverzichtbares soziales Projekt und eine lebendige Begegnungsstätte für Menschen unterschiedlicher Herkunft. Sollte künftig erneut ein Umzug beschlossen werden, muss beides verlässlich erhalten bleiben – die Qualität der sozialen Arbeit ebenso wie ein offener, gut erreichbarer Ort, an dem Begegnung, Vertrauen und Gemeinschaft wachsen können.“

Ein hübsches Mosaik zum runden Geburtstag. – Foto: Stadt Oberursel

„Es ist etwas ganz Besonderes, dass es in Oberursel seit 50 Jahren ein solches Angebot gibt“, sagt Stadtrat Andreas Bernhardt. „Das Kinderhaus ist für viele Kinder ein geschützter Ort, für Eltern eine wichtige Anlaufstelle und für Oberursel ein lebendiges Zeichen dafür, dass Integration, Bildung und Teilhabe im Alltag beginnen.“

Beim Jubiläumsfest wurde diese Haltung auf ganz praktische Weise sichtbar. Das interkulturelle Buffet mit herzhaften und süßen Speisen lud zum Probieren, Teilen und Austauschen ein. Familien, Kinder, Mitarbeitende, Ehrenamtliche und weitere Gäste kamen miteinander ins Gespräch und machten spürbar, was das Kinderhaus seit jeher auszeichnet: Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen einander begegnen.

Auch für die Kinder gab es zahlreiche Angebote. Beim Seifengießen, in der Holzwerkstatt und an der Perlenbar konnten sie kreativ werden und eigene kleine Werke gestalten. Eine Fotostation, ein Zeitstrahl und eine Fotoausstellung machten die Geschichte des Hauses lebendig und zeigten, wie viele Kinder, Familien und Mitarbeitende das Kinderhaus über die Jahrzehnte geprägt haben. Ein besonderer Programmpunkt war die Tanzaufführung, die großen Applaus erhielt.

„Das Kinderhaus zeigt seit 50 Jahren, wie wertvoll ein Ort sein kann, an dem Kinder ernst genommen werden, Familien Unterstützung finden und Vielfalt ganz selbstverständlich gelebt wird. Dieses Jubiläum ist deshalb nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch ein Anlass, dankbar und stolz zu sein: auf eine Stadt, die ein solches Angebot seit fünf Jahrzehnten ermöglicht“, sagt Lara Kraft, Leiterin des Kinderhauses.

Neu ausgerichtetes Konzept

Heute knüpft das Kinderhaus an diese lange Geschichte an und entwickelt sie konsequent weiter. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen, wachsender Anforderungen an Familien und des Ausbaus der schulischen Ganztagsbetreuung wurde das Konzept des Hauses neu ausgerichtet. Das Kinderhaus versteht sich heute noch stärker als Ort ganzheitlicher Familienförderung: offen, kostenfrei, bedarfsorientiert und nah an den Lebensrealitäten der Menschen.

Ein großer Teil der Arbeit bleibt dabei weiterhin die offene Arbeit am Nachmittag für Kinder von sechs bis zwölf Jahren. Sie bildet das Grundgerüst des Kinderhauses: Hier können Kinder ankommen, spielen, Beziehungen aufbauen, Unterstützung im Alltag erfahren und verlässliche Ansprechpersonen finden. Dabei geht es nicht nur um Betreuung. Es geht um Teilhabe, Bildung, Sprache, Selbstwirksamkeit, Kinderrechte, Elternstärkung und ein verlässliches Miteinander. Das Kinderhaus bietet Kindern und Familien genau dort Unterstützung, wo reguläre Strukturen manchmal nicht ausreichen.

Zu den neuen und weiterentwickelten Angeboten gehören unter anderem die „Willkommenskinder“, ein frühpädagogisches Angebot für Kinder von drei bis sechs Jahren, die noch keinen Zugang zu einem regulären Kita-Platz haben. In einem geschützten Rahmen erhalten sie die Möglichkeit, anzukommen, erste soziale Kontakte zu knüpfen und wertvolle Entwicklungszeit zu nutzen.

Mit dem Sprachcafé und Alphabetisierungskurs bietet das Kinderhaus Erwachsenen mit unterschiedlichen Sprachniveaus einen lebensnahen Zugang zu Sprache, Verständigung und sozialer Zugehörigkeit. Besonders wichtig ist dabei die parallele Kinderbetreuung, die Eltern eine verlässliche Teilnahme ermöglicht.

Das Gruppenangebot „Just Girls“ richtet sich an Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren, die sich häufig zwischen Kinderbetreuung und Jugendangeboten befinden und einen eigenen geschützten Raum brauchen.

Die Lernhilfe wurde mit Unterstützung des Netzwerks Bürgerengagement Oberursel neu aufgestellt. Kinder erhalten dort gezielte Unterstützung bei Hausaufgaben und schulischen Anforderungen – individuell, ressourcenorientiert und unterstützend.

Ein weiteres wichtiges Projekt ist das Kids Café in der Gemeinschaftsunterkunft „An den Drei Hasen“. Dort erhalten Kinder direkt an ihrem Wohnort eine niedrigschwellige Anlaufstelle, können Anliegen äußern, ihre Rechte kennenlernen und Beteiligung erleben.

Kinder sollen gesehen, gehört und gestärkt werden. Familien sollen Unterstützung finden, ohne Hürden überwinden zu müssen. Integration wird im Kinderhaus nicht als einzelnes Projekt verstanden, sondern als tägliche Haltung – beim gemeinsamen Essen, beim Lernen, beim Spielen, beim Zuhören und beim Mitgestalten.

Das Kinderhaus gehört zu den freiwilligen Aufgaben der Stadt Oberursel. Gerade bei defizitären Haushalten ist es besonders herausfordernd, ein solches Angebot dauerhaft aufrechtzuerhalten.

Das Jubiläum war damit nicht nur ein Anlass zum Zurückblicken, sondern auch ein Blick nach vorn. Denn der Bedarf an offenen, verlässlichen und familiennahen Angeboten ist heute so groß wie eh und je.