Ein fast vergessenes Kapitel Lokalgeschichte
Französische Kriegsgefangene gründen „inoffizielle Malerkolonie“
Von Petra Pfeifer, 3. Dezember 2025
Kelkheim. Manchmal führt die Suche nach einem Detail zu einer ganz anderen, bisher völlig unbekannten Geschichte. Das erlebte Heimatforscher Klaus-Detlef Voigt, als er 2008 Bildmaterial für eine Broschüre über die Kelkheimer Mühlengeschichte suchte. Fotos der inzwischen abgerissenen Fingersmühle schienen nicht mehr aufzutreiben zu sein, bis ihn ein Hinweis des Ur-Kelkheimers Josef Becker (1919–2016) zu einer ehemaligen Nachbarin führte, die als Jugendliche einen Fotoapparat besessen hatte – ein Luxus zu jener Zeit. Sie zeigte ihm das Farbfoto eines Ölgemäldes der Mühle, aufgenommen bei einem Besuch einer früheren Kelkheimerin in Nordrhein-Westfalen.

Das Bild ließ sich vergrößern und eignete sich für die Publikation, doch ebenso bedeutend war die Information, dass das Gemälde von einem französischen Kriegsgefangenen namens Jacques Laplagne stammte. Für Voigt war dies ein unerwarteter Fund, der seine Neugier weckte – doch erst Jahre später fand er Zeit, dem nachzugehen.
Vom Zufallsfund zur Spurensuche
Als 2024 die Vorbereitungen zur Ausstellung zum 100. Geburtstag des Hornauer Kunstmalers Alois Steyer (1925-2013) begannen, kehrte die Erinnerung an den französischen Maler zurück. Es war bekannt, dass Steyer bereits als Jugendlicher ein auffälliges Zeichentalent besaß und 1940 Kontakt zu drei französischen Kriegsgefangenen gesucht hatte, die ihm in Kelkheim aufgefallen waren: Aurélio Gianola (1915–2008), Marcel Lucien Grémillon (1906–1967) und eben jener Jacques Laplagne (1917–1995).
Die drei gehörten zu einer Gruppe von 20 französischen Gefangenen, die wenige Wochen nach Kriegsbeginn zur Firma Gebrüder Dichmann AG kamen, damals der größte Arbeitgeber der Stadt. Anfangs streng bewacht, durften sie sich nach einer Eingewöhnungszeit am Abend und an den Wochenenden frei in Kelkheim bewegen. Schon bald bemerkten Bürger:innen, dass einige von ihnen Stadtansichten skizzierten – unscheinbare Bleistiftzeichnungen auf Packpapier, die jedoch die Grundlage für etwas Größeres bildeten.
Im Gespräch zeigte sich, dass Gianola, Grémillon und Laplagne ausgebildete Kunstmaler waren, jeder mit eigenem Können und Stil. So entstand nach und nach ein ungewöhnliches Bild: Mitten im Krieg hatte sich in Kelkheim eine Art kleine, improvisierte Künstlerkolonie gebildet.

Kunst in Zeiten des Mangels
Die Nachfrage nach ihren Arbeiten stieg rasch, denn viele Kelkheimer hätten gerne ein Ölgemälde ihrer Heimat an der Wand gehabt. Dass die nötigen Materialien überhaupt verfügbar waren, grenzt rückblickend an ein Wunder – Leinwände, Farben, Pinsel oder Terpentin waren im Krieg kaum zu bekommen. Dennoch entstanden zahlreiche Auftragsarbeiten, darunter sogar Kopien berühmter großformatiger Werke wie Rubens’ „Raub der Töchter des Leukippos“ oder Vermeers „Bei der Kupplerin“, die von Aurélio Gianola geschaffen wurden.
Mit jedem Hinweis, den Voigt und der von ihm hinzugezogene Kelkheimer Stadtarchivar Julian Wirth fanden, wuchs das Bild dieser ungewöhnlichen Episode. Bisher konnten 15 signierte Gemälde ausfindig gemacht werden, vermutlich existieren deutlich mehr. Wie die Bezahlung erfolgte, bleibt unklar; Lebensmittel als Tauschmittel erscheinen jedoch denkbar.

Einfluss auf einen jungen Künstler
Für den fünfzehnjährigen Alois Steyer wurde die Begegnung mit den französischen Malern zu einem Schlüsselerlebnis. Er beobachtete sie oft bei der Arbeit, lernte, wie sie Motive auswählten, Proportionen bestimmten und Ölfarben in Schichten auftrugen. Da er als Autodidakt arbeitete, öffnete sich ihm durch dieses Wissen eine neue Welt. Für seinen ersten Versuch lieh er sich Gianolas Gemälde „Am Pfingstbörnchen in Hornau“, das er nahezu perfekt kopierte.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Steyer daraus ein beeindruckendes Werk mit zahlreichen Ölgemälden aus Kelkheim und Umgebung, von denen er später dreißig dem Stadtmuseum vermachte. Ohne die Begegnung mit den französischen Kriegsgefangenen wäre seine künstlerische Laufbahn vermutlich anders verlaufen.
Menschlichkeit trotz Krieg
Auch zwischen anderen Kelkheimern und den französischen Malern bildeten sich freundschaftliche Beziehungen. Ein besonders berührendes Beispiel stammt aus einer Schreinerei, in der Marcel Grémillon arbeitete. Mit der Zeit entwickelte sich dort ein Verhältnis gegenseitiger Wertschätzung. Als Zeichen seiner Dankbarkeit schenkte er dem Schreiner-Ehepaar das von ihm gemalte Bild „Vase mit Rosenstrauß“ – versehen mit der Widmung:
„Un bouquet c’est peu, mais c’est toute mon amitié que je vous offre. 26 août 1944.“ – („Ein Blumenstrauß ist wenig, doch es ist meine ganze Freundschaft, die ich Ihnen schenke.“)
Ein fast vergessenes Kapitel Lokalgeschichte

Was einst mit der Suche nach einem einzigen Mühlenfoto begann, führte zu einer überraschenden Spur: Drei französische Kriegsgefangene, die mitten im Krieg Kunst schufen, Verbindungen knüpften und einen jungen Kelkheimer prägten.
Ihre Bilder und ihre Geschichten erinnern daran, dass selbst in dunklen Zeiten etwas Verbindendes entstehen kann – und dass Kunst oft Wege findet, Grenzen zu überschreiten, die eigentlich unüberwindbar scheinen.
Große Freude bei Bürgermeister und Erstem Stadtrat

„Diese Geschichte ist auch für mich neu“, gibt Bürgermeister Albrecht Kündiger zu. „Das ist eine spannende Sache, die Sie entdeckt hat“, versichert er den beiden Forschenden. Dieser Meinung ist auch Erster Stadtrat Dirk Hofmann: „Auch ich war über diese Fakten überrascht, das ist völliges Neuland.“
Eine Bitte von Heimatforscher und Stadtarchivar
Wie es mit dieser außergewöhnlichen Geschichte weitergeht, steht derzeit noch nicht fest. Vielleicht findet sie Eingang in das Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises 2027, vielleicht entsteht sogar eine eigene Broschüre – was die Entdeckung auf besonders stimmige Weise abrunden würde.
Groß wäre jedenfalls die Freude aller Beteiligten, wenn sich noch weitere Spuren oder bislang unbekannte Bilder der drei französischen Kunstmaler finden ließen. Stadtarchivar Julian Wirth nimmt entsprechende Hinweise gern unter Telefon 06195 803114 oder per E-Mail an julian.wirth@kelkheim.de bzw. stadtarchiv@kelkheim.de entgegen.

