Großes Interesse am Vortragsabend über Frauen in und aus Afghanistan
„Wie immer bin ich zu Hause“
5. April 2025
Hofheim (ut). Volles Haus herrschte am Donnerstagabend, 20. März, im oberen Stockwerk der Hofheimer Stadthalle bei der Informations- und Benefizveranstaltung‚ „Inside Afghanistan“ zu der Zonta am Taunus geladen hatte. Bei der Begrüßung der rund 140 Zuhörer freute sich Gastgeberin Dorothea Schulte über den großen Andrang, „der mir zeigt, dass uns das Schicksal von Afghanistan immer noch am Herzen liegt.“ Der angekündigte Vortrag von einer Vertreterin der Frauenrechtsorganisation medica mondiale verspreche genauso wie die Anwesenheit von drei Frauen aus Afghanistan „mehr Einblicke, als man über die Medien gewinnen kann“. Ariane ten Hagen, Gründerin des lokalen Zonta-Ablegers der internationalen Vereinigung, die sich für die Rechte von Mädchen und Frauen einsetzt, machte darauf aufmerksam, dass im gerade erschienenen Weltglücksbericht Afghanistan auf Platz 147 von 147 Ländern liege.
„Wir blicken auf eine harte Zeit zurück, weil alle zarten Errungenschaften für die Eigenständigkeit der Frauen in Afghanistan durch die Rückkehr der Taliban 2021 weggebrochen sind“, sagte Inga Weller von medica mondiale am Anfang ihres Vortrags. Sie hat neben dem Irak ihren Fokus auf Afghanistan, wo die deutsche Hilfsorganisation gegen sexualisierte Kriegsgewalt schon seit 2001 aktiv ist. 1,4 Millionen Mädchen seien jetzt von der weiterführenden Schule ausgeschlossen, jegliche Berufstätigkeit von Frauen werde dadurch erschwert, dass Wege außer Haus nur in männlicher Begleitung zurückgelegt werden dürfen: „Das Tugendgesetz der Taliban wird hart durchgesetzt.“ Hinzu kämen für alle die Hungerkrise, fehlende internationale Hilfe aufgrund der Nicht-Anerkennung der Taliban als Staatsmacht, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Depression.
„Immerhin gibt es jetzt eine Generation von Frauen, die weiß, was Demokratie und Menschenrecht sind“, sagte Weller hoffnungsvoll auch mit Blick auf die anwesenden allesamt studierten Frauen aus Afghanistan, die sich schon in ihrer Heimat als Mitarbeiterinnen bei medica mondiale für die Rechte und die psychosoziale Unterstützung der Frauen eingesetzt haben.
Die Evakuierung von 90 dieser plötzlich außerordentlich gefährdeten Frauen mit ihren Familien nach Deutschland sei eine wichtige Aufgabe von medica mondiale gewesen nach dem Rückzug der westlichen Truppen. Die dort Verbliebenen versucht man nach wie vor zu schützen, weiterzubilden und zu vernetzen. „Die Frauenrechtsbewegung in Afghanistan darf nicht verschwinden“, mahnte Weller. Daher versuche man – so gut es gehe – Frauen den Zugang zu Bildung offenzuhalten, etwa über Onlinekurse für Juristinnen. „Es gibt eine Zeit danach“, sagte Weller. Auch aus Sicherheitsgründen verteile ihre Organisation die knappen Mittel heute an sehr viel mehr Stellen als früher.
„Wie immer bin ich zu Hause“, las die Juristin Arezu Rezayee aus dem Brief einer jungen Afghanin vor, die anders als sie in ihrem Heimatland geblieben ist. Und obwohl diese zwischenzeitlich keinen Zugang hatte zu Studienprogrammen, macht sie weiter damit, anderen Mädchen Englischunterreicht zu geben. „Vielleicht ist Sprache später eine Brücke“, hofft sie auf eine bessere Zukunft.
Dank an die Mutter
Herzzerreißend auch der spontane Gang einer jungen Afghanin ans Mikro, die ihrer Mutter, selbst Menschenrechtsaktivistin, dankte, mit ihr geflohen zu sein. „Ich lebe in Deutschland in Freiheit“, sagte die angehende Verwaltungsfachwirtin, „auch wenn ich immer noch an meine Freundinnen denke, die nicht zur Schule gehen dürfen.
Mit auf dem Podium saß Sania Hamidi, die immer schon Moderatorin werden wollte. Sie studierte zunächst gegen den Willen der Familie Journalismus, wechselte aber schließlich zur Psychologie, „weil es früher schon gefährlich war, sichtbar aktiv zu sein“. Sie habe dann den Nutzen von Psychologie erkannt, um Frauen zu beraten. „Wie Frauen Afghanistan erleben, hängt vor allem von ihren Familien ab“, weiß sie und fügt an: „Eine ideale Zeit für Frauen gab es in dem Land nie.“ Als die Taliban die Macht ergriffen, hatte sie gerade per Kaiserschnitt ein Kind geboren und machte sich trotz der Wunde schnell auf den Weg zum Flughafen. Drei lange Monate später gelang die Flucht.
Basira Akbarzada, die als Psychologin bei medica mondiale in Afghanistan arbeitete, sagt: „Bei einem Studium konnte die Familie früher helfen, aber auf der Straße nicht.“ Dort sei die Gefahr von Belästigung und Angriffen schon vor der Machtergreifung der Taliban groß gewesen. Rund 90 Prozent der Frauen und Mädchen in Afghanistan erleben mindestens eine Form von Gewalt in ihrem Leben. 60 bis 80 Prozent werden zwangsverheiratet, davon über die Hälfte unter dem gesetzlichen Mindestalter. Basira Akbarzada schätzt sich glücklich, „dass wir von Deutschland aus für die Frauen im Land kämpfen können.“
Unterstützung und Kraft geben sei enorm wichtig, „auch wenn wir konkret nichts verändern können“, pflichtet Arezu Rezayee ihr bei, die ihre Geschichte auch in der Kölner Ausstellung „Weil wir Frauen sind“ erzählt. Bis 13. April stellt medica mondiale im Rautenstrauch-Joest Museum in Köln mutige Frauen vor, die aus Afghanistan vor den Taliban geflohen sind, von Widerstand und Solidarität, von Abschied und Ankommen berichten – und dem unbeirrbaren Einsatz für eine gerechte Welt.
Der Abend in Hofheim schloss mit Standing Ovation für die drei afghanischen Frauen.
Kontakt zu Arezu Rezayee hatte Zonta am Taunus erstmals 2023, als der Club einen Fahrradkurs für afghanische Frauen in Kelkheim unterstützte. Die Spenden des Abends von rund 2500 Euro wird Zonta am Taunus großzügig aufgestockt an medica mondiale weitergeben. Weitere Informationen über die Arbeit der Hilfsorganisation und Möglichkeiten der Unterstützung: https://medicamondiale.org/wo-wir-frauen-staerken/afghanistan

