Farbe, Klang und Verdichtung – Rolf Hans in den Centovalli

Das Bild mit dem Titel „Dirigat“. - Fotos: Galerie Blaszczyk

Von Petra Pfeifer, 20. Februar 2026

Bad Homburg v. d. Höhe. Nach prägenden Impulsen der Frankfurter Künstlergruppe Quadriga und intensiven Erfahrungen in der Baseler Musikszene entwickelte Rolf Hans in den 1960er Jahren im Tessin eine eigenständige Bildsprache. Neben exemplarischen monochromen Arbeiten entstand dort die Suite der „Aquarell-Collagen“ – ein 26-teiliges malerisches Tagebuch aus dem Centovalli. Dieses Portfolio bildet gemeinsam mit seltenen frühen Gouachen und Aquarellen den Kern des Kabinetts in der Ausstellung „I Colori delle Centovalli“ in der Kunsthandlung Galerie Michael Blasczczyk.

Zur Eröffnung sprachen die Kuratoren Dr. Friedhelm Häring und Dr. Stefan Soltek – beide ehemalige Museumsdirektoren und langjährige Wegbegleiter der Werke des Künstlers – über jeweils ein Schlüsselwerk.

Soltek widmete sich dem 1968/69 entstandenen Künstlerbuch mit den „Aquarell-Collagen“. „Es unterläuft bewusst die Erwartung, ein Buch müsse vor allem durch Text wirken. Vielmehr steht es in einer Tradition textloser, rein formal bedeutungstragender Bücher – wie im ‚Bild vom göttlichen Ratschluss‘ des 15. Jahrhunderts von Konrad Witz, das ein leeres, weißes Buch als zentrales Symbol zeigt“, so der ehemalige Leiter des Klingspor-Museums in Offenbach.

Eine der Kompositionen aus dem Aquarell-Album und ein Porträtbild des Künstlers Rolf Hans.

Auch bei Hans werde das Buch selbst zum Bedeutungsträger. „Es ist weniger Lesestoff als Objekt: ein Album im historischen Sinn, das nicht nur das Auge, sondern auch die Hand fordert. Unterschiedliche Papiere – darunter feines Zwischenpapier – strukturieren das Blättern und erzeugen Distanz und Allmählichkeit. Die Rezeption wird zur intimen Eins-zu-eins-Erfahrung.“

Die 26 Kompositionen seien sorgfältig gesetzt, jede Doppelseite präzise austariert. Weißraum fungiere hier nicht als Hintergrund, sondern aktiver Resonanzraum: „Formal bestehen die Arbeiten aus aquarellierten, ausgeschnittenen Kartonstücken, die zu Collagen gefügt sind. Anders als im klassischen Aquarell fließen die Farben nicht ineinander; sie bleiben getrennt, behaupten ihre Eigenständigkeit. So entstehen reliefartige Verdichtungen – konzentrierte, nahezu poetische Bildgebilde.“

Entstanden sei das Buch in einer Phase, in der die Kunst mit minimalen Mitteln maximale Wirkung suchte. In diese Atmosphäre der Reduktion und Farbdichte füge sich Hans’ Werk organisch ein – zwischen Reliefgeschichte und Buchkunst. Zum Schluss zitierte Soltek Stéphane Mallarmé: „Alles, was existiert, ist dazu da, in einem Buch zu enden.“ Ein Gedanke, der dieses stille, anspruchsvolle Werk treffend umreißt.

Rolf Hans.

Dr. Friedhelm Häring nahm anschließend das Bild „Dirigat“ in den Blick – und begann mit der Musik. Rolf Hans, 1938 geboren und mit 58 Jahren verstorben, war früh Jazzmusiker und spielte als 19-Jähriger in der international renommierten Barrelhouse Jazz Band: „Die Spannung zwischen bürgerlichem Beruf und künstlerischem Anspruch blieb prägend.“

Über den Maler Heinz Kreutz kam Hans in Kontakt mit der Gruppe Quadriga, zu der auch Karl Otto Götz, Otto Greis und Bernard Schultze gehörten. Sie öffneten die deutsche Malerei für Informel und gestische Abstraktion – „ein Aufbruch, den Häring auch musikalisch verortete“.

Anhand von Richard Wagner und Richard Strauss – insbesondere „Also sprach Zarathustra“ – erläuterte der langjährige Leiter des Oberhessischen Museums in Gießen das Prinzip des tragenden Grundtons: „Aus einer dunklen Klangfläche wächst Bewegung und Geste.“ Dieses Spannungsverhältnis von Fläche und Impuls finde sich in Hans’ schwarzen Bildern der 1980er Jahre wieder.

Eine weitere Parallele zog Häring zur Musik von György Ligeti, ein Komponist mit dem Rolf Hans lange Zeit persönlich befreundet war und der bekannt geworden ist durch die Musik für „2001: A Space Odyssey“ von Stanley Kubrick. Auch hier: ein dunkler Klangraum, aus dem sich Weite und Transzendenz entfalten – ein Motiv, das in den gesellschaftlichen Umbrüchen um 1968 besondere Resonanz fand.

Für Hans blieb Musik eine existenzielle Bezugsgröße. „Ich mache nicht Kunst, um von ihr zu leben. Ich lebe, weil ich Kunst mache“, bekannte er. In seinen Bildern verdichten sich Klang, Farbe und Raum zu einer konzentrierten, spirituellen Bildsprache. Mit Verweis auf Hermann Hesse und dessen Roman „Das Glasperlenspiel“ beschrieb Häring diese Haltung als Streben nach Universalität – dem Zusammenführen von Wahrnehmung, Denken und Empfinden.

So erscheint „Dirigat“ als Sinnbild eines künstlerischen Lebens zwischen Musik und Malerei: getragen von einem Grundton, der über das Sichtbare hinausweist.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 28. Februar 2026. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr und Samstag von 11 bis 14 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Telefon: 0172 9139023