Wenn Erinnerung Haltung zeigt – Förderbescheid für Bauzaun-Ausstellung zu Eugen Kogon
17. Juni 2026
Oberursel (ut). Manchmal braucht Erinnerung keinen geschlossenen Raum, kein Museum und keine große Bühne. Manchmal genügt ein Ort mitten in der Stadt, ein Weg, an dem Menschen vorbeigehen, stehenbleiben, lesen, nachdenken. Genau dort setzt die Bauzaun-Ausstellung „Eugen Kogon: 80 Jahre Der SS-Staat, 80 Jahre Frankfurter Hefte“ an, für die Staatsministerin Heike Hofmann am Freitag, 12. Juni 2026, in der Adenauerallee einen Förderbescheid aus Lottomitteln an den Neuen Königsteiner Kreis e. V. übergeben hat.
Die Ausstellung rückt ein Kapitel deutscher Demokratiegeschichte in den öffentlichen Raum, das eng mit Hessen, dem Taunus und auch mit Oberursel verbunden ist.
Eugen Kogon, Publizist, Politikwissenschaftler, Widerständler und Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, gehörte nach dem Jahr 1945 zu jenen Stimmen, die den demokratischen Neubeginn in Westdeutschland nicht nur begleiteten, sondern intellektuell und publizistisch mitprägten. Sein Werk „Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager“, das vor 80 Jahren entstand, wurde zu einem der zentralen frühen Zeugnisse über das nationalsozialistische Terrorsystem.
Bürgermeisterin Antje Runge, die die Gäste in Oberursel begrüßte, würdigte die Ausstellung als wichtigen Beitrag zu einer Erinnerungskultur, die nicht beim Rückblick stehenbleibt, sondern in die Gegenwart hineinwirkt: „Erinnerungskultur ist eine demokratische Aufgabe im Hier und Jetzt. Sie erinnert uns daran, wohin Menschenverachtung, Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und die systematische Zerstörung demokratischer Institutionen führen können.
Und sie mahnt uns zugleich, sehr aufmerksam auf unsere Gegenwart zu schauen. Demokratie verschwindet nicht von einem Tag auf den anderen. Sie wird angegriffen, indem Sprache verroht, indem Fakten relativiert, indem Menschen gegeneinander ausgespielt werden, indem Hass normalisiert wird und indem das Vertrauen in demokratische Verfahren, Medien, Wissenschaft, Justiz und Verwaltung gezielt untergraben wird. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir die Geschichte nicht auslagern, sondern sichtbar machen – mitten in unserer Stadt, im öffentlichen Raum, dort, wo Menschen im Alltag unterwegs sind.
Eugen Kogon steht für Aufklärung, für intellektuelle Redlichkeit, für den Mut zur Wahrheit und für die Überzeugung, dass Demokratie immer wieder verteidigt, erklärt und gelebt werden muss. Das ist heute aktueller denn je. Wenn wir über Kogon, den Königsteiner Kreis und die ‚Frankfurter Hefte‘ sprechen, dann sprechen wir nicht nur über Vergangenheit. Wir sprechen über unsere Verantwortung, die Würde jedes Menschen zu schützen, demokratische Kultur zu stärken und denen entschieden entgegenzutreten, die Freiheit, Vielfalt und Rechtsstaatlichkeit verächtlich machen. Dass diese Ausstellung in Oberursel gezeigt und vom Land Hessen unterstützt wird, ist deshalb ein starkes Zeichen.“
Ein Bauzaun wird zum Erinnerungsort
Die von Wissenschaftler:innen, Journalist:innen sowie Publizist:innen des Neuen Königsteiner Kreises e. V. erarbeitete Ausstellung verbindet historische Aufklärung mit einem niedrigschwelligen Zugang im öffentlichen Raum. Die Bauzaun-Planen machen Demokratiegeschichte dort sichtbar, wo Menschen nicht eigens eine Ausstellung aufsuchen müssen, sondern im Vorbeigehen mit ihr in Berührung kommen.
Inhaltlich geht es um die Grundlagen des demokratischen Wiederaufbaus nach dem Jahr 1945, um die Rolle zivilgesellschaftlichen Engagements, um die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen und um die publizistischen Impulse, die von Eugen Kogon und den „Frankfurter Heften“ ausgingen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand Kogon mit Werner Hilpert und weiteren Widerständlern, zurückkehrenden Exilanten sowie befreiten Häftlingen aus Konzentrationslagern im Königsteiner Kreis zusammen. Dieser Kreis hatte Anteil an der demokratischen Neuorientierung Hessens und der jungen Bundesrepublik.
Die Übergabe des Förderbescheids durch Staatsministerin Hofmann unterstreicht die Bedeutung des Projekts über Oberursel hinaus. Unterstützt wird eine Ausstellung, die historische Bildung, politische Verantwortung und öffentliche Sichtbarkeit miteinander verbindet.
Oberursel als Ort demokratischer Spurensuche
Für Oberursel hat das Thema eine besondere Nähe: Eugen Kogons Buch „Der SS-Staat“ entstand vor 80 Jahren in Oberursel. Damit ist die Stadt nicht nur Ausstellungsort, sondern auch Teil jener historischen Spur, die das Projekt sichtbar machen möchte.
Nach der Begrüßung durch Bürgermeisterin Antje Runge wurde auf die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Verein eingegangen. Anschließend übergab Staatsministerin Heike Hofmann den Förderbescheid. Historische Erläuterungen gaben unter anderem Christoph Schlott, Vorsitzender Neuer Königsteiner Kreis e. V., und Dr. Wolfgang Geiger, Vorsitzender des Hessischen Geschichtslehrerverbandes. Unter den Gästen fand sich auch Elke Barth, Abgeordnete des Hessischen Landtags, wieder. Im Anschluss fanden Fotoaufnahmen vor den Bauzaun-Planen sowie die Übergabe eines Faksimiles statt.
Sozialministerin Heike Hofmann sagte: „Ich freue mich sehr, dass die Mitglieder des Königsteiner Kreises gemeinsam mit der Stadt Oberursel ein so kluges, gehaltvolles und überdies mobiles Erinnerungsprojekt konzipiert haben. Die Idee ist so umfassend wie zeitgemäß. Schließlich stellen sie nicht nur transportable Ausstellungswände zur Verfügung, sondern auch Dokumentarfilme, die über QR-Codes abrufbar sind. Und ich freue mich, dass wir von Landesseite mit einer Förderung aus Lottomitteln einen finanziellen Beitrag dazu leisten können, dass sie an einen ihrer prominentesten Bürger erinnern und auf diese Weise zugleich die Ursprünge unseres Bundeslandes Hessen würdigen.“
Mit der Ausstellung wird ein Stück Demokratiegeschichte sichtbar, das nicht abgeschlossen ist, sondern weiter Fragen an die Gegenwart stellt: Wie entsteht demokratische Kultur? Wer trägt sie? Und was braucht es, damit sie gegen ihre Gegner:innen widerstandsfähig bleibt?

