Entdeckung in Falkenstein
Gemälde der jüdischen Künstlerin Martha Woelcke
3. November 2025
Königstein (ut). Ein wiederentdecktes Gemälde der Falkensteiner Künstlerin Martha Woelcke bereichert seit kurzem das alte Rathaus in Falkenstein. Es ist nicht nur eine schöne Ansicht von Burgruine, Dorf und alter Kirche, es ist auch ein lebendiges und anrührendes Zeugnis der letzten Lebensphase der jüdischen Künstlerin, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde.
Doch wie kam es zu der Entdeckung? Zur Wiedereröffnung des Gebäudes nach der Restaurierung 2024 hatte der benachbarte Schreinermeister Eric Hess ein Gemälde als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Das Bild mit der Falkensteiner Burg war in einem schlechten Zustand: Stark verschmutzt und mit einem Loch in der Leinwand hatte es einmal als Geschenk den Weg zu dem alteingesessenen Falkensteiner gefunden.
Hess gefiel das Gemälde jedoch trotz seines Zustands sehr, zeigt es doch das nahe Wahrzeichen auf dem Burgberg und das Dorf unter einem spätsommerlichen Himmel. In den heimischen vier Wänden wurde es aber nicht besonders beachtet, so dass Hess es für eine Hängung im alten Rathaus vorschlug.
Dort zierte es dann das Büro des Ortsgerichts. Erster Stadtrat Jörg Pöschel nahm es daraufhin genauer unter die Lupe und entdeckte die Signatur: Martha Woelcke. Stadtarchivarin Dr. Alexandra König wurde hinzugezogen, die den historischen wie künstlerischen Wert der Arbeit erkannte und einer Restaurierung zuführte.
Bei aller Idylle: Ein Blick aus der Isolation
Die Frankfurter Städel-Schülerin Woelcke lebte in der Falkensteiner Taunusstraße. Von dort hielt sie den Blick aus ihrem Fenster auf die Burg in dem Gemälde fest. Das Bild, das bis dahin nur einen schönen Eindruck vom alten Falkenstein bot, bekam mit Kenntnis der Malerin und ihrem Schicksal noch eine ganz andere Bedeutung.
1930 war Martha Woelcke mit ihrem Mann Heinz, ebenfalls Maler und Städel-Schüler, von Bad Homburg-Dornholzhausen nach Falkenstein gezogen. Hier bauten sie sich ein kleines Häuschen mit Atelier. In der Reichspogromnacht 1938 wurde auch ihr Haus angegriffen, mit Steinen beworfen und sämtliche Fenster zerstört. Schon seit der Machtübernahme der Nazis konnte Martha Woelcke ihre Bilder, darunter viele Blumenstilleben, nicht mehr verkaufen, das Ehepaar wurde aus dem „Frankfurter Künstlerbund“ ausgeschlossen. Bilder von ihr, die kurz zuvor die Stadt Frankfurt erworben hatte, wurden im Zuge der ersten Bücherverbrennung 1933 zerstört.
Vom Künstlerbetrieb isoliert und vollkommen zurückgezogen lebten sie in Falkenstein. Nur zu den Nachbarn hatte Martha noch Kontakt. Nachbarn versteckten sie auch, als sie sich während einer Reise ihres Mannes von Nazis verfolgt fühlte und um ihr Leben bangte. Nicht mehr helfen konnten sie ihr im Januar 1944: Martha Woelcke wurde aus ihrem Haus in Falkenstein abgeholt. Zunächst kam sie nach Frankfurt, von dort wurde sie nach Auschwitz deportiert. Im November 1944 wurde sie dort ermordet.
Dr. Alexandra König: „Das jetzt wiederentdeckte Gemälde gehört ihrer letzten Schaffensphase an und ist nach kunsthistorischer Einschätzung in den 1940er Jahren und damit kurz vor ihrer Deportation entstanden. Mit dem Blick aus ihrem Fenster zeigt es die dörfliche Idylle des sommerlichen Falkenstein und es ist – mit Kenntnis ihres Lebenswegs – zugleich Zeugnis ihrer Isolation als Verfolgte des NS-Regimes, deren Teilhabe am Leben schon vor ihrer Deportation und Ermordung auf diesen Blick aus dem Fenster beschränkt worden war.“
Für Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko war das Schicksal der Künstlerin ausschlaggebend für die Entscheidung zum Erwerb des Gemäldes. Auf diesem Weg ist es nun dauerhaft für die Bürger:innen erhalten. Das Motiv und die Qualität des Gemäldes eröffnen auch der nächsten Generation einen leichten Einstieg in diesen Teil der gemeinsamen Geschichte.
Seinen Platz erhält das Gemälde von Martha Woelcke nun im Ortsgericht Falkenstein im Alten Rathaus.

