Immer wieder ein besonderer Event

Hölderlin-Preis geht an Marcel Beyer

Von Eckard Steffin (Text) /  Petra Pfeifer (Fotos) – 14. Juni 2021

Der Friedrich-Hölderlin-Preis wird seit 1983 jährlich von der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe gemeinsam mit der Stiftung Cläre Jannsen als allgemeiner Literaturpreis vergeben. Der Hauptpreis ist mit 20.000 Euro dotiert, der Förderpreis mit 7.500 Euro.

Die Jury unter der Leitung von Sandra Kegel, Ressortleiterin des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat in diesem Jahr Marcel Beyer für sein Gesamtwerk und Joshua Groß für „Flexen in Miami“ mit dem Förderpreis ausgezeichnet. Die Feier fand in einem feierliche Rahmen in der Schlosskirche statt. Oberbürgermeister Alexander Hetjes begrüßte die Preisträger, Teilnehmer und bedankte sich bei der Jury: „Diese Preisverleihung ist immer ein besonderer Moment, dieses Mal kommt aber noch hinzu, dass endlich wieder ein gemeinsames kulturelles Event stattfindet.“ Karl-Josef Ernst, Vorsitzender des Kuratoriums Schloss, wiederum freute sich in seiner Begrüßung, dass Orgelstipendiat Lukas Adams die Veranstaltung musikalisch begleitete.

„Eine Geschichte von Liebe und Technik, von Drohnen und Avataren…“

Professor Dr. Heinz Drügh hielt die Laudatio auf den Förderpreisträger Joshua Groß  und dessen Romandebüt „Flexen in Miami“ – eine Geschichte „von Liebe und Technik, von Identität und Games, von Quallen, Menschen, Drohnen und Avataren – und den unzähligen Möglichkeiten, wie diese einander begegnen oder sich verfehlen können“. Phänomene wie Hip- Hop- oder Gaming-Kultur, das Internet als Ort smarter Dinge oder die sozialen Medien würden darin als materielle Grundlage unserer Existenz ebenso ernst genommen wie die ökologische Situation des Planeten: „Resultat ist ein kompliziertes, mitunter fast paradoxes emotionales Konstrukt aus Euphorie und Erschöpfung, aus Traurigkeit und Komik, ebenso grell gezeichnet wie zart“, so Drügh.

Stadtverordnetenvorsteher Dr. Alfred Etzrodt verlieh anschließend den Förderpreis und überreichte die Hölderlin-Plakette an Joshua Groß, der das erste Mal in Bad Homburg ist und seine Romane, Erzählungen als Texte bezeichnet, die „Phänomene der Gegenwart aufnehmen und sie beschreiben“. Zeitkritische und philosophische Momente würden eingebaut.

Seine Dankesworte läutet er schlicht mit „Hallo“, einer Kunstpause und „vielen Dank auch für die Laudatio“ ein. Er verriet, dass ihn Hölderlin in letzter Zeit sehr beschäftigt habe. Sogar körperlich habe ihn das Gelesene berührt, was er anschaulich beschrieb.

„Sein poetologischer Erkenntnisdrang bereichert die deutschsprachige Literatur“

Literaturkritiker und Autor Tobias Lehmkuhl hielt die Laudatio auf Marcel Beyer, der, wie er verriet, neben der Literatur auch die Musik liebe. In mehr als drei Jahrzehnten habe Marcel Beyer ein Oeuvre geschaffen, „das in seiner literarischen Vielfalt und seinem poetologischen Erkenntnisdrang die deutschsprachige Literatur auf einzigartige Weise bereichert“. Beyer erweise sich darin als sensibler Zeitgenosse, der die verschiedensten Gattungen beherrsche: Romane, Lyrik, Essays, Erzählungen und Opernlibretti. Seine Romane wie „Flughunde“ (1995) aus Hitlers Führerbunker „zeigen Beyer als unbestechlichen Beobachter innerer Prozesse wie auch sozialer Milieus und gesellschaftlicher Atmosphären“. Gedichtbände wie „Graphit“ (2014), würden sich quer zum rein illustrierenden Realismus als poetische Tiefenbohrungen in das zurückliegende Jahrhundert lesen. „Seine Literatur, die nicht zuletzt Bezüge zum Namensgeber dieses Preises, Friedrich Hölderlin, aufweist, erzählt die Welt auf ungeahnte Weise“, so Lehmkuhl.

Die Hölderlin-Preisverleihung und Übergabe der Hölderlin-Plakette an Marcel Beyer übernahm Oberbürgermeister Alexander Hetjes. Beyer, der anlässlich der Preisverleihung ebenfalls das erste Mal in Bad Homburg war, verriet im Vorfeld, er habe den Taunus immer als etwas Verwunschenes wahrgenommen.

In seiner Dankesrede beschäftigte er sich mit der Kartoffel in Bezug zu Hölderlin, die es früh in die Literatur aber erst spät in die bildenden Künste geschafft hat. Am Ende zeigt er jedoch vor allem Freude über die Preisverleihung an sich: „Dass wir wieder zu Veranstaltungen zusammen kommen, macht mich lebendig“, so Beyer.

Den sowohl interpretatorisch als auch technisch gelungenen Schlussakkord unter die hoffnungsfroh gestimmte Feier setzte Lukas Adams an der eindrucksvollen Bürgy-Orgel mit Felix Mendelsohn-Bartholdys Präludium c-Moll Op. 37 Nr. 1.

Über die Preisträger:

Joshua Groß ist 1989 in Grünsberg bei Nürnberg zur Welt gekommen, studierte Politikwissenschaft, Ökonomie und Ethik der Textkulturen. Er schreibt regelmäßig für die Berliner Literaturzeitschrift „metamorphosen“, seine Arbeit wurde bereits mit einigen Preisen gewürdigt – darunter der renommierte Anna Seghers-Preis (2019).

Marcel Beyer wurde am 23. November 1965 in Tailfingen / Württemberg geboren und studierte Germanistik, Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Siegen. Seit 1985 veröffentlicht er in verschiedenen Publikationen Essays, Literaturkritiken sowie editorische, literarische und journalistische Arbeiten. Sein vielfältiges Spektrum zeigt sich daran, dass er auch ein HipHop- Seminar für einheimische Rapper in Yaoundé, Kamerun, leitete. Beyer wurde bereits mit zahlreichen hochrangigen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem 2016 mit dem Georg-Büchner-Preis. Heute lebt er als Autor, Herausgeber, Übersetzer und Essayist in Dresden.