Eine „livehaftige“ Veranstaltung

„Der Baum denkt“, Saskia Henning von Lange liest

Von Eckard Steffin (Text) / Petra Pfeifer (Fotos) – 3. Juni 2021

Oberursel. „Unfassbar, dass Sie da sind – ein livehaftiges Publikum ist fantastisch“, sowohl Moderatorin Julia Ketterer vom Literaturhaus Frankfurt als auch Autorin Saskia Henning von Lange war die Freude, nach vielen Online-Veranstaltungen, -Treffen und -Konferenzen in den vergangenen Monaten endlich mal wieder eine „richtige“ Lesung umzusetzen, deutlich anzusehen. Nicht minder gut die Stimmung unter den vielen Gästen, die sich auf den Weg zur alten Gerichtslinde gemacht hatten, die Gegenstand des Buches „Der Baum denkt“ ist.

Julia Ketterer vom Literaturhaus Frankfurt stellte jedoch erst einmal Saskia Henning von Lange vor und fragte genauer nach: „Was für ein Gefühl hat man als Künstlerin, wieder eine Lesung durchzuführen?“ Henning von Lange bemerkte, dass sie sich nicht nur über den Kontakt mit dem Publikum freue, sondern mit „dieser ersten Lesung seit einem Jahr“ ihrer Tochter, die in der ersten Reihe saß, „die Arbeit der Mutter sichtbar machen“ könne.

„Der Baum denkt“ sei eine Arbeit, die von außen an sie herangetragen wurde und erst nach einigen Recherchen kam ihr die Idee, die Geschichte der Gerichtslinde aus der Perspektive eines Baumes zu erzählen. Zu den Rechercheergebnissen gesellten sich auch Inhalte aus vielen Erzählungen, die sie im Rahmen von früheren Lesungen von einzelnen Geschichten, von ihren Zuhörern erhielt. Denn das Buch selbst ist aus den neun Episoden entstanden, die die Autorin von 2017 bis 2019 vor Ort vorgetragen hat.

Das Buch beginnt Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Zentrales Ereignis ist die fiktive Begegnung mit dem Kind Marie. Mit ihr spricht der Baum und mit dem Leser teilt er seine Gedanken und öffnet sich auch gegenüber Marie. Ihr erklärt er, dass alle Bäume sprechen können, „nur tun sie es sehr selten“. Linden gelten als ein Symbol für Gerechtigkeit, Liebe, Frieden und Heimat sowie als festen Platz der Gemeinschaft. Genau davon handeln auch viele Geschichten, die der Baum erzählt.

Er selbst habe eine vorgegebene Heimat, die er nicht verlassen könne. Vielen Menschen begegnet er, die einen festen Ort noch suchen müssen. Tiere wiederum verstecken sich in ihm. Es werden Streitigkeiten, beispielweise um eine Schafsweide, erzählt, die in Gewalt ausarten. Der Baum nimmt auch die Erzählungen von Marie auf und vergleicht sie mit dem, was er erlebte. Marie wird älter, heiratet, wird Mutter und bringt ihre Tochter Linda und ihren Ehemann Johann mit. Die Besuche von Marie werden seltener, weil sie schwer erkrankt. Gleichzeitig quält die Linde die zunehmende Trockenheit. Als Marie an seinem Fuß im Sterben liegt, entdeckt sie noch einen Steckling, der aus ihm heraussprießt. Der Baum selbst philosophiert während seines Sterbeprozesses über den Kreislauf zwischen Leben, Tod und dem daraus entstehenden neuen Leben.

Das war Thema im letzten Kapitel, dass Autoren normalerweise nie lesen. Saskia Henning von Lange wollte damit deutlich machen, dass eben auch die Fragen des Klimaschutzes oder wieweit der Mensch in die Natur eingreifen soll oder darf bei einem solchen Thema einfließen müssen.

Das Buch wurde im April 2020 mit Förderung der Stiftung Flughafen Frankfurt für die Region vom Kultur- und Sportförderverein Oberursel e.V. gemeinsam mit der Regionalpark RheinMain Taunushang GmbH bei Henrich Editionen veröffentlicht – und regte auch an diesem Nachmittag zum Nachdenken an. „Haben Sie mehr Zeit mit Recherchen und im stillen Kämmerlein verbracht oder haben Sie sich durch die Stimmung hier vor Ort inspirieren lassen?“, lautete eine Frage aus dem Publikum. Saskia Henning von Lange lächelte und sagte: „Ich war mehr vor Ort als in den Archiven, Vieles stammt aber auch, wie schon gesagt, aus den Erzählungen von Zuhörern, die sich selbst erinnerten, was sie rund um den Baum erlebt oder über ihn gehört haben.“

„Die Lesung am Lindenbäumchen, unter freiem Himmel bildet hoffentlich den Auftakt zu vielen weiteren kulturellen Begegnungen in Oberursel“, sagte Bürgermeister Hans-Georg Brum bereits im Vorfeld. Ein Wunsch, dem sich an diesem Tag wohl alle Besucher der Veranstaltung, die Teil des Aktionstags von hr2 kultur „Ein Tag für die Literatur und die Musik“ war, anschlossen.