Infrastruktur einer Einsiedelei freigelegt

Antoniuskapelle ist von besonderer Bedeutung

Von Petra Pfeifer, 22. September 2021

Kronberg. Nach dem Einsatz in 2020 herrscht erneut geschäftiger Trubel auf dem Gelände rund um die Antoniuskapelle im Ruthardshain oberhalb des Waldschwimmbads. Bei den 24 Personen, die hier fünf Tage lang Hand anlegen, handelt es sich um die Teilnehmer des Burgenseminars von Burgenforscher Dr. Joachim Zeune. „Dieses Seminar gibt es seit 1993 und so kommt es, dass viele von ihnen schon seit etlichen Jahren mit von der Partie sind“, so der renommierte Wissenschaftler. Aber was hat ein Burgenseminar an einer Kapelle zu schaffen? „Es war ein Wunsch des Landrats, dass wir uns ihrer annehmen und sie ordentlich sanieren.“ Dieser hatte selbst vor drei Jahren mit den Azubis der Kreisverwaltung unter Leitung von Dr. Kai Mückenberger angefangen, den Grundriss freizulegen und später das Antoniuskreuz gestiftet, das dort installiert wurde. Doch noch immer gibt es an Ort und Stelle viel zu tun, denn die Kapelle war Bestandteil einer Einsiedelei: „2020 haben wir zwar mit der Untersuchung der Infrastruktur dieser Einsiedelei bereits begonnen, allerdings stellte sich dabei auch gleich heraus, dass es noch so Einiges zu verifizieren und auszuforschen gab.“

Dank eines sogenannten LIDAR-Scans konnte die Oberflächenstruktur des Geländes sichtbar gemacht, quasi ein Relief-Bild des Bodens geschaffen werden. Dabei ließen sich deutlich Spuren benachbarter Infrastruktur entdecken. „Es handelt sich zum Beispiel um einen V-förmigen Wasserfänger mit Wasserleitung zu einem Fischteich, eine weitere Fläche, die vermutlich ein Obstgarten war, und das Priesterhäuschen direkt gegenüber des Eingangs zur Kapelle“, verrät Joachim Zeune.  Das Gelände, das nun nahezu komplett mit Bäumen bewachsen ist, müsse im 14. Jahrhundert, als der Komplex entstand, großflächig frei gewesen sein.

Ein Pilotprojekt von besonderer Bedeutung

Gerne weist Joachim Zeune auf die besondere Bedeutung dieser Grabungsstätte hin: „Dass eine Einsiedelei so gut erhalten und nun erforscht ist, dürfte einmalig in Deutschland sein.“ Daher handele es sich hier um ein Pilotprojekt mit einer besonderen Bedeutung für die Hessische Denkmalpflege. Erhalten ist übrigens auch die Stiftungsurkunde des Altars: „Sie stammt aus dem Jahr 1339 und Walther von Cronberg hat ihn der neu erbauten Kapelle in Rupertshain gestiftet.“ Dieser ist auch zu entnehmen, dass der hier lebende Priester sich enthaltsam und züchtig zu verhalten habe.

Der Grundriss ist ungewöhnlich

Der mittlerweile freigelegte Grundriss ist in den Augen des Mittelalterarchäologen ungewöhnlich: „Im Vergleich zum kurzen Langhaus ist der Chor extrem lang.“ Auch die Winkel der Wände zueinander seien nicht stimmig. Aus seiner Erfahrung weise dies darauf hin, dass das Gebäude ziemlich schnell und ohne versierten Baumeister errichtet worden sei. „Darüber hinaus ist die ursprüngliche Kapelle wohl um einen Anbau erweitert worden.“

Eine bunt gemischte Gruppe

Die 24 Teilnehmer des Seminars sind in verschiedene Gruppen eingeteilt: „Ein Teil widmet sich der Archäologie und ein anderer markiert die Bodendenkmäler mit Steinen, damit sie von Waldarbeitern auf den Harvestern zu erkennen sind und umfahren werden können.“ Die dreiköpfige Gruppe an der Stelle, wo sich einst ein Fischteich befunden hat, hat einen Querschnitt am Rand der Mulde vorgenommen: „Es ist ein willkürlicher Schnitt an einer Stelle, an der nicht so viele Wurzeln sind“, erläutert Karl-Heinz Lorenz aus Darmstadt. Durch das Entfernen der Erde konnte eine darunter liegende Lehmschicht freigelegt werden und beim vorsichtigen Hantieren mit Schaufeln und Besen wurde sogar ein erstes Fundstück eingesammelt. Es handelt sich um eine kleine Scherbe und Joachim Zeune meint: „Sie ist vom Rand eines Gefäßes und stammt aufgrund ihrer Randgestaltung aus dem 13./14. Jahrhundert.“ Ein weiterer Hinweis auf diese rasche Datierung sei die Farbe, die auf eine reduziert gebrannte Keramik hinweise.

Wasserrinne schon nach einem Tag freigelegt

Ganze acht Personen widmen sich wiederum der Wasserrinne und nach einem Tag ist diese nicht nur zur Hälfte freigelegt, sondern auch mit auffälligen Steinen markiert. „Prima Arbeit“, lobt Joachim Zeune den vergnügten Trupp. Weiter geht es schließlich zu dem Trio, das den V-förmigen Wasserfänger im Gelände untersucht. Sie haben an dem niedrigen Wall gegraben und dabei eine kompakte Aufschüttung teilweise freigelegt. „Das ist ja spannend bei euch“, freut sich der Burgen- und – in diesem Fall auch – Kapellenforscher und schlägt vor: „Die brechen wir komplett durch, dann haben wir einen gesamten Querschnitt vom Wall.“

Jeder kann teilnehmen

Das Seminar für Burgenforschung – wie das Burgenseminar tatsächlich heißt – von Dr. Joachim Zeune, der sein Büro für Burgenforschung in Eisenberg-Zell im Allgäu hat, ist angesiedelt bei der Deutschen Burgenvereinigung, die wiederum Trägerin des Europäischen Burgeninstituts ist. An dem alljährlichen Seminar kann jeder teilnehmen, der archäologisches Interesse mitbringt. So mischen sich hier Fachstudenten mit Lastwagenfahrern, berufliche Denkmalpfleger mit Bänkern oder Erziehern, Jugendliche mit Senioren. „Die Burgenvereinigung veranstaltet darüber hinaus auch Studienfahrten und Tagungen, publiziert vor allem aber wichtige Veröffentlichungen rund um Burgen, Schlösser und Herrenhäuser“, informiert Joachim Zeune.