Nach sieben Jahren Planungs- und Entwicklungszeit

Blindenmodell der Königsteiner Altstadt feierlich enthüllt

Von Petra Pfeifer, 22. September 2021

Königstein. Ein illustrer Kreis hat sich am Eingang der Fußgängerzone rund um einen mit der Königsteiner Flagge verhüllten Felsblock gebildet. Gerade spielt noch das Trio Blind Foundation eine überaus gelungene Interpretation des Hits „Ain’t no Sunshine“ von Bill Withers, da ist es auch schon so weit. Daniel Fischer, der diesjährige Präsident des Königsteiner Lions-Clubs, greift zum Mikrofon und wendet sich an Bürgermeister, Magistrat, Lions-Kollegen und die vielen anderen Gäste: „Nach sieben Jahren Planung und Entwicklungszeit freuen wir uns, diesen Termin endlich begehen zu können.“ So lange ist es nämlich her, dass Heinz Alter ein Blindenmodell der Innenstadt in Basel entdeckt hat und zu seinen Club-Kollegen sagte: „Das sollten wir auch für Königstein haben.“

Angesteckt von seiner Begeisterung machte sich der Verein an die Arbeit und dabei waren sich die Beteiligten von vorneherein einig: „Das machen wir on top, andere Projekte, die von uns unterstützt werden, sollen darüber nicht vernachlässigt werden.“ Und da es sich bei diesem Auftrag um ein Volumen von rund 30.000 Euro handelte, ging das natürlich nicht von heute auf morgen. In diesem Zusammenhang dankte Daniel Fischer zunächst den Hauptsponsoren, zu denen die Taunus Sparkasse, die Frankfurter Volksbank, die Klinik Dr. Amelung, Syna bzw. Süwag, die Stiftung der deutschen Lions-Clubs und die Platin-Sponsoren des Frühlingsballs gehörten. Die Stadt selbst steuerte schließlich die Setzung des Sockels, Pflasterarbeiten und einen schützenden Poller bei.

Egbert Broeken hat schon über 250 Modelle geschaffen

Mit der Herstellung beauftragt wurde der Künstler, der auch in Basel und in vielen anderen Städten bereits tätig geworden war: Egbert Broeken. „Mit diesen Modellen habe ich vor 30 Jahren angefangen“, berichtet der Soester und führt weiter aus: „In Soest gibt es die die größte Blindenschule von Nordrhein-Westfalen, daher gibt es dort mehr Blinde als irgendwo sonst.“ Eines Tages habe er miterlebt, wie einer solchen Gruppe auf einer Stadtführung erklärt wurde: „Das ist unser romanischer Dom und er ist 67 Meter hoch.“ Das darauf folgende „Aha“ habe mehr als deutlich gemacht, dass die Blinden die Vorstellung einer solchen Dimension vollkommen fremd war.

Damit sei eine Idee geboren worden, die Egbert Broeken mittlerweile in viele Städte Deutschlands, Europas und der Welt geführt hat. So freuen sich die Bewohner von Hamm und Bamberg ebenso über ein maßstabgetreues Modell ihrer Innenstädte wie die Bürger von New York, Zürich und Baku. „Zunächst besorge ich mir Kataster- und Höhenlinienplan.“ Dann spaziere er durch die Städte und fotografiere die Gebäude von vorne und von hinten. Klar, dass es da hin und wieder zu Missverständnissen kommt und die Polizei gerufen wird. Andererseits aber auch Ermunterungen wie in Bamberg beim Ablichten eines Hofes. „Kommen Sie doch hier hoch, von hier können Sie besser fotografieren“, habe ihm ein Bewohner von einem Fenster im zweiten Obergeschoss zugerufen. Die Königsteiner sahen’s offenbar gelassen.

Viel Streicheln sorgt für güldenen Glanz

Zum verwendeten Material bei dem Modell im Maßstab von 1:650, das auf einem 1,5 Tonnen schweren Serizit-Gneis (umgangssprachlich: Taunus-Quarzit) aus Mammolshain ruht, gibt es ebenfalls eine Erklärung: „Es handelt sich um Goldbronze.“ Diese sei aktuell noch dunkel und matt, je mehr Hände jedoch darüber streichen würden, um so glänzender und goldener werde die Stadt mit der Zeit erscheinen. Gerne beobachtet Egbert Broeken auch hin und wieder Betrachter seiner Werke: „Es ist immer faszinierend Zeuge zu werden, wenn auch Sehende die Augen schließen, um sich in die Welt der Blinden hineinzufühlen.“

Bürgermeister Leonhard Helm freut sich. „Das ist eine ganz großartige Sache und eine tolle Bereicherung“, geht sein Dank in Richtung Lions Club. Damit könne sich jeder ein Bild von der Stadt machen, bevor er etwas von ihr gesehen habe. Außerdem lobte er den hohen künstlerischen Anspruch des Werkes, in dem die Namen von Straßenzügen und wichtigen Gebäuden sowohl in Normal- als auch Braille-Schrift zu ertasten sind – und natürlich den damit verbundenen Gewinn für Königstein. Gleichzeitig betont er: „Das Geld hierfür aufzubringen, ist natürlich wichtig, aber es müssen auch Menschen dahinter stehen.“

Folgeprojekt geplant

Die Menschen, die sich bei diesem Stadtmodell engagiert haben, sind auf jeden Fall noch lange nicht müde. „Als nächstes möchten wir ein Burgmodell in Auftrag geben“, kündigt Daniel Fischer an. Und schmunzelt in Richtung Egbert Broeken: „Brauchen wir dafür wieder sieben Jahre?“ Was den Künstler betrifft, kann es offenbar auch in einer wesentlich kürzeren Frist gehen, doch der Lions-Präsident lacht: „Zu schnell sollte es auch nicht umgesetzt werden, wir müssen schließlich erst noch die Mittel beschaffen.“