Kelten Land Hessen - Archäologische Spuren im Herzen Europas

Erstmals wird in Hessen die Welt der Kelten fokussiert

Mit dem Projekt KELTEN LAND HESSEN finden zahlreiche wissenschaftliche Vorhaben der zurückliegenden Jahre ihren Abschluss, zugleich weist dieses Vorhaben aber in vielerlei Hinsicht auch in die Zukunft.

Prof. Dr. Udo Recker

All diese Orte und Spuren sind wichtiges internationales Erbe – wir geben jetzt alles, dass dies auch die zu Recht strengen Augen der UNESCO so sehen, damit sie offiziell Welterbe werden.

Staatsministerin Angela Dorn

Die späte Eisenzeit wird durch große Zentralsiedlungen geprägt, die sich in ganz Hessen finden.

Dr. Frank Verse

Der besondere Reiz dieses Archäologie-Jahres ist für mich, dass die Breite der Gesellschaft in diese Faszination der Wissenschaft eintauchen kann.

Staatsministerin Angela Dorn

Zu den spektakulären Funden zählen auch die Reste einer eisenzeitlichen Holzbrücke bei Kirchhain-Niederwald, die uns einiges über die keltische Infrastruktur der Handels- und Verkehrswege erzählt. In diesem Zusammenhang soll auch noch einmal auf die weitreichenden paneuropäischen Verbindungen während der Eisenzeit hingewiesen werden.

Dr. Frank Verse

Die Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse für eine breite interessierte Öffentlichkeit gehört zu den klassischen Aufgaben eines jeden Museums. Dass dies nun thematisch auf die Kelten fokussiert im Verbund ahlreicher sehr unterschiedlicher Museen landesweit geschieht, ist sehr begrüßenswert.

Prof. Dr. Udo Recker

Von Petra Pfeifer, 10. August 2021

Wiesbaden/Bad Nauheim. Nicht allein einen besonders schönen, sondern darüber hinaus auch einen ausgesprochen passenden Rahmen gab die Trinkkuranlage einem von viel Enthusiasmus und Vorfreude geprägten Ereignis: Der Auftaktveranstaltung zum ersten großen Archäologie-Jahr in Hessen.

Denn immerhin befand sich in Bad Nauheims Kernstadt im ersten und zweiten Jahrhundert v. Chr. die bedeutendste keltische Salinenstrecke Mitteleuropas. Und genau in diese Zeit geht auch die Reise vom 10. März bis 31. Dezember 2022. Unter der Überschrift „Kelten Land Hessen – Archäologische Spuren im Herzen Europas“ präsentieren dann Museen, Landesarchäologie, Stadt- und Kreisarchäologen sowie Forschungseinrichtungen und Vereine viel Neues und Interessantes zur Eisenzeit, der Zeit der Kelten in Hessen.

Dr. Vera Rupp, Direktorin Keltenwelt am Glauberg, freute sich, zu diesem besonderen Kick Off sowohl Staatsministerin Angela Dorn vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, als auch Professor Dr. Udo Recker, Landesarchäologe von Hessen, Dr. Frank Verse, Direktor des Vonderau Museums Fulda sowie Vorsitzender der Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen, Peter Krank, Erster Stadtrat der Stadt Bad Nauheim, sowie viele beteiligte Projektpartner:innen begrüßen zu können.

Kelten sorgten für landschaftliche Prägung

Ein gutes Beispiel dafür, wie sehr das keltische Leben noch heute sichtbar ist, gab gleich zu Anfang Peter Krank bei seinem Willkommensgruß: „Zwar ist Bad Nauheim im Gegensatz zu Trier und Mainz oder den Residenzen Friedberg und Butzbach eine relativ junge Stadt, doch vor allem die Salinen und die hierfür vorgenommenen Waldrodungen haben die Landschaft nachhaltig verändert.“

Wunderbare Kooperationen widmen sich den rätselhaften Kelten

Staatsministerin Angela Dorn bezeichnete das Zusammenwirken der vielen unterschiedlichen Institutionen als „wunderbare Kooperation, die auch wissenschaftliche Fragen und Forschungsergebnisse präsentieren wird“. Das Spannende sei: „Die Kelten geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf.“ Sie hätten keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, Berichte über die Kelten stammten ausschließlich von Dritten: „Man kann sich vorstellen, je nach Sichtweise der Schreiber ist das mal mehr oder minder stark gefärbt.“ Dank der Archäologie werde ihre Welt jedoch mittels zahlreicher Artefakte erfahrbar.

Als bemerkenswert stellte Angela Dorn heraus, dass die „vermeintliche Altertumswissenschaft Archäologie immer wieder aufzuzeigen vermag, dass es für mutmaßlich neue und hochaktuelle Themen durchaus historische Parallelen gibt – oder wie hier im Fall der Kelten sogar prähistorische“. Als Beispiel nannte sie unter anderem eine in Hessen gefundene Schnabelkanne, die an Arbeiten der Etrusker erinnere: „Die Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass hessische Handwerker bis nach Italien fuhren und dort Inspiration fanden und umgekehrt. Quasi Erasmus auf andere Art vor 2500 Jahren.“ Was im Kern Europa ausmache, habe es somit schon damals gegeben.

Immer neue Puzzleteile sorgen für Verständnis keltischer Kultur

Die fokussierte Breite, mit der sich alle Beteiligten diesem Thema nähern, hob Landesarchäologe Professor Dr. Udo Recker hervor: „Das ist toll und unterstreicht die Bedeutung des Projekts.“ Er zolle Dr. Vera Rupp und dem Projektteam großen Respekt für das Geleistete und danke allen Beteiligten für das Engagement in dieser Sache. „Als unter meinem Vor-Vorgänger im Amt des Landesarchäologen, Dr. Fritz-Rudolf Herrmann, vor nunmehr etwas mehr als einem Vierteljahrhundert die Grabungen auf dem Glauberg wieder aufgenommen wurden, ahnte niemand, welche Lawine damit losgetreten werden würde“, so Recker. Durch viele nachfolgenden Entwicklungen, unter ihnen die Gründung der Keltenwelt am Glauberg – „hiermit hat das Land Hessen deutschlandweit die einzige Forschungseinrichtung dieser Art geschaffen, für die sich auch in Europa nur wenige Parallelen finden lassen“ -, sei ein Schwung entstanden, dem die hessische Landesarchäologie in den zurückliegenden Jahren durch eigene Grabungen immer wieder weitere Puzzleteile zum Verständnis der Kelten habe beisteuern können. Solche Forschungen in überregionale Forschungen einzubinden sei wichtig: „Nun ist es an der Zeit, das enorme Fundspektrum, vor allem auch eine Auswahl der Neufunde, erstmals und im Kontext neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“

Die eiserne Pflugschar krempelt die Gesellschaft um

Eine inhaltliche Einführung zum „Keltenjahr in Hessen“ gab Dr. Frank Verse: „Die Kelten werden zumeist mit der Bevölkerung der Eisenzeit gleichgesetzt.“ In dieser Zeit sei die eiserne Pflugschar aufgekommen. Da hiermit größere Flächen und schlechtere Böden als mit hölzernen Pflügen bewirtschaftet werden konnten, sei der Ertrag gestiegen, wodurch die Entstehung großer Zentralsiedlungen erleichtert wurde. In Folge sei der Bedarf an Eisen, aber auch an Salz als Konservierungsmittel für Lebensmittel gestiegen. „Durch dieses Bespiel soll deutlich werden, dass der Begriff „Kelten“ keine neu eingewanderte Personengruppe bezeichnet, sondern einen materiellen und kulturellen Wandel, der im Wesentlichen durch die Eisentechnologie angestoßen wurde“, so Verse.

Deutliche Parallelen zu unserer eigenen Gegenwart mache die Beschäftigung mit der Eisenzeit so spannend: „Wir leben am Beginn des digitalen Zeitalters und erleben, wie stark die neue Technik unser gewohntes Lebens- und Arbeitsumfeld bereits nach wenigen Jahrzehnten verändert hat.“ Ach unsere Kultur befinde sich in einem starken Umbruch: „Es ist also kein Zufall, dass sich die Forschung immer wieder mit der Eisenzeit und damit mit den Kelten beschäftigt hat.“

Bau-Boom sorgt für zahlreiche Neuentdeckungen

Aufgrund der Zunahme von Bodeneingriffen durch Baumaßnahmen habe sich die Zahl der eisenzeitlichen Bodendenkmäler gerade in den letzten Jahren noch einmal deutlich erhöht. „Auch wenn natürlich noch viele Fragen offen sind, ist es der archäologischen Forschung doch in den letzten Jahren zunehmend gelungen, ein immer differenzierteres Bild vom Leben der Kelten zu entwickeln“, resümierte Verse nach einer Zusammenstellung aufsehenerregender Funde. Daher sei es also wieder einmal Zeit eine neue Bestandsaufnahmen vorzulegen. „Insgesamt möchten wir über das Jahr 2022 verteilt ein buntes und vielseitiges Programm anbieten, das den Besuchern die ganze Bandbreite der keltischen Welt und besonders auch die in den letzten Jahren neu gewonnenen Erkenntnisse vermittelt“, kündigte Frank Verse im Namen aller Mitwirkenden an.