Projekt „Frauen kommen an“

Integration geflüchteter Frauen im Rheingau-Taunus-Kreis

Von Eckard Steffin, 12. Juli 2021

Rheingau-Taunus-Kreis. In der historischen Caféhalle Schlangenbad wurde das Ende des sehr erfolgreichen Projektes „Frauen kommen an“ vorgestellt. Die Projektleitung hatten Dr. Ildikó Szelecz und Kerstin Reimers, beide seitens der Stiftung CITOYEN sowie Jörg Weber, Projektentwicker. Insgesamt haben 163 Frauen teilgenommen. Landrat Frank Kilian gab zunächst einen Rückblick in das Jahr 2015, in dem viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern nach Deutschland kamen. Der Kreis brauchte eine Integrationsstrategie, weil „es nicht 2000 Menschen, sondern 2000 einzelne Menschen mit einer eigenen sehr differenzierten Geschichte waren. Jeder hat seine individuellen Erlebnisse“, so Kilian. So kam es 2018 zu dem Projekt „Frauen kommen an“. Er dankte in diesem Zusammenhang der Stiftung Citoyen, die nicht nur finanzielle Hilfen einbrachte, sondern das Projekt auch personell unterstützte. Auch der Fond „auf augenhöhe“ half bei dem Projekt. Kilian: „Im Namen der Menschen sage ich einfach mal: Danke!“

Frauen werden anders verfolgt als Männer

Weber gab einen Überblick über den Projektverlauf. Frauen haben es mit vielen Formen der Verfolgung und Unterdrückung zu tun. Die meisten kamen aus Afghanistan, gefolgt von Syrien, Eritrea, Iran, Irak und Äthopien. In Afghanistan dürfen Frauen mit einer anderen Religion häufig keine Schule besuchen, weil die Eltern Angst haben, sie werden von den Taliban entführt oder ermordet. In einem gezeigten Film erklärte eine junge Frau, wie toll es ist, dass sie eine Schule besuchen durfte und das Lernen richtig Spaß gemacht hat. Sie hat die Abschlüsse B1 und B2 erreicht und zeigte offen ihren Stolz. Sie hat eine Lehre zur Hotelfachfrau abgeschlossen und ihre Chefin und die Kollegen freuen sich, eine so freundliche, kompetente Mitarbeiterin gefunden zu haben.

B1 Sie können sich über viele Themen in einfacher deutscher Sprache unterhalten.

B2 Sie können auch komplexe deutsche Texte verstehen und ein normales Gespräch auf Deutsch führen.

Das Zertifikat B1 ist in Liechtenstein Voraussetzung für die Erlangung der liechtensteinischen Staatsbürgerschaft.

Im Iran sind Frauen Menschen ohne eigene Rechte. So schilderte eine andere Frau in dem Film, dass sie in Deutschland ihren Traumberuf ausüben kann: Pflegefachkraft. Im Iran hätte sie niemals eine solche Ausbildung machen dürfen.

Eine weitere Frau schilderte, dass sie in ihrem Heimatland ein großes Büro geleitet hat. Durch die politische Verfolgung beginnt sie in Deutschland wieder „wie ein Baby von vorne“, weil es wichtig ist, die Sprache zu lernen. Das ist der Schlüssel, sich auch in einer fremden Kultur zurechtzufinden.

Frauen als Schlüssel für die Integration

Die Vorstandsvorsitzende der Stiftung Citoyen, Beate Gottschall-von Plottnitz, freute sich über den Erfolg: „Bewusst haben wir ein Projekt für Frauen und deren Bedürfnissen gemacht, die nach einer schrecklichen Fluchterfahrung in eine unbekannte gesellschaftliche Struktur kommen.“ Oft fehlt den Frauen das Selbstbewusstsein, dass auch sie mit vielen Fähigkeiten ausgestattet sind. Frauen erziehen die Kinder, sorgen für ihre Familien und dürfen sich in vielen Kulturen trotzdem nicht frei entwickeln. Daher begann das Projekt in der ersten Phase mit der Kompetenzfeststellung. Dazu wurde ein Stärken- / Schwächenprofil mit Hilfe der hamet-Testung erstellt.

Die hamet-Verfahren ergänzen gängige Testverfahren und bieten beispielsweise durch die realitätsnahe Simulation eines Arbeitstags Einblick in handwerklich- motorische Fähigkeiten und Verhaltensweisen der Testpersonen. hamet stellt hierbei eine sinnvolle Verbindung von Messung und Beobachtung dar Ein Teil der Frauen konnten dann mit Hilfe des Integrationsfachdienstes in Berufsschulen untergebracht werden.

„Viele Frauen fanden es eigentümlich zu entdecken, dass auch sie handwerkliche Fähigkeiten besitzen, weil sie nie gefördert wurden“, so Weber. Danach wurden für jede Teilnehmerin langfristige Perspektiven entwickelt und die Frauen durchgehend beraten. So wurden während der individuellen Wege Kompetenzen und Interessen systematisch ermittelt und die Frauen konnten die Teilziele besser planen. Selbstverständlich wurden auch die beruflichen Perspektiven ausgeleuchtet und Bewerbungen trainiert.

Mit Hilfe des Hessischen Integrationsprogramms „Wir“ konnten ehrenamtliche Mentoren ausgebildet werden. Leider sind einige wegen Corona dann im letzten Jahr abgesprungen.

Den Frauen wurden in Idstein, Bad Schwalbach, Geisenheim und Waldems Computerkurse angeboten. Eine Spende half, Laptops anzuschaffen. So war es möglich, dass die Geflüchteten nicht bei jeder Unterrichtseinheit einen anderen Computer benutzen mussten. Fast alle hatten zum ersten Mal Kontakt mit der digitalen Welt, die für uns so normal erscheint. Zu jedem Ausbildungsteil gab es natürlich auch Zertifikate für eine spätere Bewerbung.

Erfolgreiche Integration

Die meisten Teilnehmerinnen waren zwischen 18 und 50 Jahren, hatten keine nachweislichen Schulbildungen und oft keine Deutschkenntnisse. Sie waren alleinstehend, alleinerziehend, verheiratet mit Kindern und konnten sich keine Lernfähigkeiten im Heimatland aneignen. Im Rheingau-Taunus-Kreis wohnten die Geflüchteten sehr verteilt, mit einer kleinen Konzentration im Idsteiner Land. Trotzdem gelang es den Frauen ein Lernnetzwerk aufzubauen, das durch das Projektnetzwerk von Intergrationsdiensten, Wohlfahrtsverbänden, Ehrenamtsvereinen, Schulen, Kommunen und vielen mehr unterstützt wurde. Auch die Arbeitsvermittlung leistete trotz geringer personeller Ausstattung erstaunliches.

73 Frauen konnten nach dem Projekt „Frauen kommen an“ kontaktiert werden. 18 hatten eine Arbeitsstelle gefunden und 15 Frauen befanden sich in einer Ausbildung. In einem Bewerbungsprozess befanden sich 19 Geflüchtete und 10 besuchten einem Deutschkurs. Von den arbeitenden 33 Teilnehmerinnen sind 16 in der Altenpflege tätig und helfen den Pflegenotstand in Deutschland zu lindern. In der Gastronomie, die ebenfalls mit Personalmangel zu kämpfen hat, arbeiten sieben Frauen. Vier sind in medizinischen Berufen tätig und jeweils zwei im Büro oder Einzelhandel, beziehungsweise sind nicht einzuordnen.

Frauen kommen weiter

Es ist bereits ein Anschlussprojekt in Planung, das ab September mit fünf Kursen in Bad Schwalbach und Waldems beginnen wird. Ein Kurs beschäftigt sich damit, wie das Lernen zu erlernen ist, einer mit der digitalen Sprachvermittlung. Wichtige weitere Kurse beschäftigen sich wie bei „Frauen kommen an“ mit der Kompetenzentwicklung und den Themen Gesellschaft und Demokratie. Auch die Berufsorientierung „Was passt zu mir“, darf nicht fehlen. Ein Kick-off ist bereits geplant.