„Friedberger Bohnapfel“ ist Hessische Lokalsorte des Jahres

Der Pomologen-Tag ist Jubiläum und Premiere zugleich

Von Petra Pfeifer, 31. Oktober 2021

Bad Homburg. Gewiss, für Wetzlar dürfte es sehr traurig gewesen sein, dass der Apfelmarkt coronabedingt abgesagt werden musste. Für Bad Homburg bedeutete es andererseits jedoch einen Gewinn, denn zum ersten Mal fand hier die Präsentation der hessischen Lokalsorte durch den Pomologen-Verein / Landesgruppe Hessen statt – in diesem Fall die zwanzigste -, die zugleich mit dem Tag der offenen Tür im Schlosspark und dem darin befindlichen Tempel der Pomona einher ging.

Doch bevor es dort los ging, versammelten sich Vereinsmitglieder und interessierte Gäste zunächst einmal in der Schlosskirche. Denn diese gab der Kürung der Lokalsorte 2022 den würdigen Rahmen. Zur Begrüßung sprach Reinhard Kraus, stellvertretender Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, und erläuterte: „Die Schlösserverwaltung steht nicht nur für die Bewahrung von Bauten, sondern auch von Gärten.“ Diese Arbeit werde sowohl an Pflanzungen umgesetzt als auch in der Pflege historischer Sorten. Für ihn persönlich sei der Apfel der „König unter den Obstsorten“. Schließlich fände er Verwendung als Brei für Kinder bis hin zu Schnaps. Außerdem sei er ein Teil der Menschheitsgeschichte: „Angefangen bei Eva und Adam und auch Wilhelm Tell wählte den Apfel, nicht die Birne.“ Und somit freute er sich mit allen gemeinsam auf das abwechslungsreiche und vielfältige Programm dieses Tages

Ein Chapeau den Pomologen

Sofie Blind, Autorin des Buches „Die alten Obstsorten“ sprach in ihrem Grußwort ihren allergrößten Respekt jenen aus, die sich mit Pomologie beschäftigen, der Wissenschaft von den Obstsorten: „Noch im 19. Jahrhundert galt Pomologie als seriöses akademisches Fach, so wie heute Psychologie, Philosophie oder Politologie. Und – daher rührt mein Respekt – sie war und ist ein kompliziertes Fach.“ Pomologen – zumeist Männer – hätten Hunderte, ja Tausende verschiedener Obstsorten gezüchtet, indem sie Sämlinge gezogen und die besten ausgesucht, Sorten gekreuzt und Bäume veredelt hätten. Obendrein hätten sie sich mit der Kunst des Formschnitts ausgekannt: „Sie wussten also nicht nur, wie man einen Obstbaum so schneidet, dass er lang lebt und viele Früchte trägt, sondern beherrschten auch ganz besondere Kunststücke: Bäume in Form eines Bechers oder einer Lyra zu schneiden, sie ringförmig zu ziehen oder gar einen lebenden Pavillon aus Früchte tragenden Obststämmen zu formen.“ Vor allem aber gehörte oder gehöre es zur Kunst der Pomologen, Obstsorten zu bestimmen, was angesichts der Vielfalt der alten Obstsorten tatsächlich eine Wissenschaft für sich sei: „Nach einer Datenbank des BUND gibt es in Deutschland gut 1400 historische Apfel- und Birnensorten, von Kirschen, Pflaumen oder Pfirsichen ganz zu schweigen.“

Rosa Quittenblüten und Wolken weißer Kirschblüten anstelle steriler Ziergehölze

Heute würden die alten Sorten allmählich wiederentdeckt, viele hätten auf Streuobstwiesen überlebt, „die übrigens ein eigenes Lob verdient haben, weil sie zu den artenreichsten und kostbarsten Biotopen gehören, die Mitteleuropa zu bieten hat“. Kein Wunder also,, dass der Streuobstbau von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit gekürt worden sei. Somit: „Wie schön wäre es, wenn im Frühjahr anstelle steriler Ziergehölze riesige rosa Quittenblüten oder Wolken weißer Kirschblüten unsere Gärten zieren würden? Wenn wir fruchtbehangene Spalierbäume als Gartenzaun verwenden würden anstelle kunststoffummantelter Gitter aus dem Baumarkt?“

Steffen Kahl von der Landesgruppe Hessen des Pomologen-Vereins, der sich mit der Vielfalt der Obstsorten im Allgemeinen und speziell in Hessen befasst, oblag im Anschluss die Aufgabe, die 20. Hessische Lokalsorte des Jahres vorzustellen. Zunächst jedoch war ein bisschen Fachwissen in den Reihen des Publikums gefragt. Per PowerPoint-Präsentation zeigte er Bilder verschiedener Äpfel, deren Namen die Zuschauer nennen sollten. Der erste war ein Braeburn. „Der kommt aus Neuseeland und ist erst viel später bei uns in den Handel gekommen“, verriet Steffen Kahl hierzu. Der Fuji wiederum sei 1939 in Japan gezüchtet worden und seit der 60er Jahren auch bei uns erhältlich. Nicht fehlen durfte die Pink Lady: „Das ist die erste Club-Sorte, das heißt eine Sorte, für die Lizenzen bezahlt werden müssen.“ Der Apfel „Santana“ schließlich komme aus Holland, sei immer häufiger im deutschen Handel zu finden und: „Er ist für Apfel-Allergiker geeignet.“

Steffen Kahl stellte auch den „Golden Delicious“ – „Ein Zufallssämling, der 1890 in West-Virgina entstanden ist“ –, den „Grünen Hässlichen“ – „Er braucht lange zur Reifung“ – „Granny Smith“ und „Kanada Renette“ vor, bevor er über „Ananas-Renette“ beim „Zwiebel-Bosdorfer“ anlangte und sich dem Thema der alten Sorten zuwandte: „Die riesige Vielfalt spiegelt sich in den hessischen Lokalsorten.“ Die gelte es jedoch erst mal aufzuspüren, in die Pflege zu bringen, Reiser zu bekommen, zu erhalten und bekannter zu machen. Denn, wie er eingangs erwähnte, greife die moderne Züchtung auf diese Sorten zurück und somit sei ihr Wert nicht allein aus kulturhistorischen Gründen hoch.

Verein sucht ständig nach Lokalsorten

Viel Wissen sei in den vergangenen 20 bis 30 Jahren verloren gegangen, als Streuobstwiesen vernachlässigt oder gar als Baugebiet freigegeben worden seien, und jene Menschen, die sich mit den Bäumen noch auskannten, verstorben seien. Daher mache der Verein immer wieder darauf aufmerksam, dass er Lokalsorten suche: „Den Dorheimer Streifling zum Beispiel haben wir durch einen Zeitungsaufruf wiedergefunden“. Der „Gacksapfel“, ein Zufallssämling, dessen Mutterbaum von einem Blitz erschlagen worden sei, habe ein Waldarbeiter gefunden. Insgesamt 20 Sorten hätten sie wieder „ausgegraben“, doch: „Es muss noch viel gemacht werden.“

Der Friedberger Bohnapfel ist ein Winterprinzenapfel

Dann die Vorstellung des „Friedberger Bohnapfel“ als 20. Hessische Lokalsorte des Jahres: „Er ist super gesund, anspruchslos und widerstandsfähig.“ Einer dieser großen, robusten Bäume könne bis zu 40 Zentner Obstertrag bringen. Bei der Frucht selbst handle es sich eigentlich um eine reine Wirtschaftssorte: „Man kann sie aber auch essen.“ Die Herkunft der Sorte selbst sei nicht bekannt, nur dass sie 1908 vom damaligen Deutschen Pomologenverein für das Großherzogtum Hessen erstmals genannt worden sei.

Im Anschluss an die Präsentation geht es schließlich in den Schlossgarten. Hier hatte der Verein zur Verkostung historischer Apfelsorten sowie zu Info und Beratung zu alten Obstsorten eingeladen. Mit kleinen Messern bewaffnet und sichtlich großer Freude machten sich Steffen Kahl an die Arbeit. Zunächst einmal hieß es die Frucht als solche zu betrachten. Farbe, Form und Größe, Kelchseite, Stielseite, Schale waren einige der Kriterien, bevor es ans Verkosten ging. „Ui – sauer lässt grüßen!“, hieß es da zum Beispiel bei dem Apfel, der zu groß für einen Rambour sein sollte.

Auf dem Weg zum Tempel der Pomona hatte Gärtner Anton Rupperti unter der Überschrift „Obst in Scherben“ einige Obstbäume in Tontöpfen im Angebot: „Sie sind extra so gezogen worden, dass sie hierin bleiben können.“ Allein das Substrat müsse nach drei oder vier Jahren ausgetauscht und sie regelmäßig so geschnitten werden, dass sie kompakt bleiben.

Am Tempel selbst hatte Bianca Limburg, „WissenwächstimGarten“-Koordinatorin, ein Mitmachangebot für Familien rund um den Apfel im Angebot. Da konnte nach Herzenslust gemalt und studiert werden – und wer mal einen kleinen Überblick über diverse Obstsorten bekommen wollte, betrachtete sich einfach die vielen Modelle, die im Tempel zur Entdeckung einluden.

Unsere Literatur-Tipps:

Sofia Blind: Die alten Obstsorten – von Ananasrenette bis Zitronenbirne. Geschichten, Rezepte und Anbautipps.

192 Seiten, 60 Farbabbildungen, DuMont Buchverlag, ISBN 978-3832199883, gebunden, 25 Euro, erschienen am 13. Oktober 2020

„Seidenhemdchen“ und „Schweizerhose“, „Forellenbirne“ und „Weinapfel“ – die Namen alter Obstsorten sind ebenso ungewöhnlich wie ihr Aussehen und ihr Geschmack, ebenso poetisch wie die vielen Geschichten, die sich um sie ranken: von der Birne, die zweimal per Schiff nach Amerika reiste bis zu dem Apfel, der Newton zu seiner Gravitationstheorie inspiriert. Hundertfünfzig heimische alte Obstsorten werden in diesem Band in historischen Illustrationen und unterhaltsamen Texten vorgestellt; Tipps zu Anbau und Sortenwahl sowie klassische Obstrezepte ergänzen die Sortenporträts. Eine Einführung beschreibt die wechselhafte Geschichte der alten Sorten und ihre Wiederentdeckung als kulinarische und ökologische Schätze.


 

Steffen Kahl, Robert Scheibel:  Erhaltenswerte Obstsorten für Hessen – Äpfel • Birnen • Kirschen • Pflaumen • Zwetschen • Mirabellen • Renekloden • Aprikosen • Pfirsiche • Quitten • Schalen- und Wildobst

Pomologen-Verein e.V. – Landesgruppe Hessen, ISBN 978-3-943198-24-9, 5. erweiterte und aktualisierte Auflage 2019

Aus dem Inhalt:

Empfehlungen zur Obstsortenwahl, Porträts hessischer Lokalsorten, Verschollene Sorten, Unterlagen und Edelreiser, praktische Tipps für Pflanzung und Baumschutz, Mistelproblematik, Kurzbiografien hessischer Pomologen, Hinweise auf Literatur und Baumschulen, Glossar, Kontaktadressen

Beschreibung:

Wer mit der Pflanzung von Obstbäumen zum Erhalt der Sortenvielfalt beitragen möchte, findet in dieser Broschüre umfangreiche Informationen und Anregungen. Bei den Sortenempfehlungen liegt das Augenmerk auf den für Hessen typischen alten Obstsorten – das Spektrum reicht von deutschlandweit bekannten Sorten, die sich in Hessen bewährt haben, bis hin zu lokalen Raritäten. Die übersichtlichen Tabellen beinhalten insgesamt 252 Sorten verschiedener Obstarten, dazu kommen 25 Schalen- und Wildobstarten. Angegeben sind jeweils Herkunft, Frucht- und Baumeigenschaften (wie Reife, Verwertung, Wuchsstärke) sowie Bemerkungen zu Standortansprüchen und Robustheit. Zu jeder Obstart liefert die Publikation einleitende Basisinfos. Achtzehn hessische Lokalsorten vom Heuchelheimer Schneeapfel bis zur Lippoldsberger Tiefenblüte werden auf je einer Doppelseite ausführlich in Wort und Bild vorgestellt. Die 5. Auflage enthält einige neue Kapitel: Mit einer „Fahndungsliste“ wird zur Suche nach verschollenen Obstsorten aufgerufen. Der Abschnitt „Unterlagen und Edelreiser“ gibt eine Übersicht über die wichtigsten Wurzelunterlagen und informiert über die Beschaffung von Edelreisern – wichtig für Obstfreunde, die beim Baumkauf besser Bescheid wissen oder selbst veredeln möchten. Hochaktuell ist die problematische Ausbreitung der Mistel in Obstbäumen. Abgerundet wird die attraktive Broschüre wie bisher durch Ratschläge für das Pflanzen und Schützen der Bäume, die Nennung von spezialisierten Baumschulen, Literaturtipps und einen Ausflug in die hessische Geschichte der Pomologie.

Verkaufspreis (inkl. MwSt.): 9,80 Euro – 104 Seiten, durchgehend farbig, über 120 Abbildungen, zahlreiche Tabellen, Format: 20 x 21 cm (H x B), Klebebindung, Softcover, Gewicht: 300 g