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Eine ungezähmte „Art“ Ausstellung

Von Petra Pfeifer

Bad Homburg. „Wir haben uns über Eisen und Pflanzen gefunden“, erzählen Marina Sinjeokov Andriewsky und Chris Kircher. Eine Aussage, die die externe Betrachterin schon beim ersten Blick auf die Ausstellung der beiden Künstlerinnen bestätigt bekommt. Allerdings die Information, dass dieses Kennenlernen während einer Atelierausstellung erst im vergangenen Herbst stattgefunden habe, verblüfft. Denn nicht nur bei bloßem Hinschauen sieht es so aus, als ob beide jeweils in der Vergangenheit künstlerische Begleiter für die Objekte der anderen geschaffen hätte, so hervorragend harmonieren sie miteinander. Auch im Verlauf der Gespräche – einzeln und gemeinsam –, blitzt immer wieder so etwas wie Seelenverwandtschaft zwischen der gebürtigen Argentinierin (Sinjeokov) und Frankfurterin (Kircher) durch. Und das betrifft neben dem künstlerischen Schaffen auch den Humor und das herzhafte, wohltuende Lachen, mit dem sie sich der Vollendung der Ausstellung in der Galerie Artlantis genähert haben.

Sehr gerne und mit großer Offenheit erzählen sie, wie ihre Arbeiten entstanden sind, welche Materialien, Inspirationen, Gedanken oder Wünsche, Befürchtungen und Ideen sich darum ranken. Gleich im Eingangsbereich eines der Bilder von Marina Sinjeokov Andriewsky auf grundiertem Leinen, auf dem sie ein Insekt per Tintenstiften und Kompositionsgold menschlich eingekleidet hat. Eines der Bilder aus einer Serie, die im großen Schauraum fortgesetzt wird und in der die darin dargestellten Menschen asiatisch anmuten. „Das war jedoch nicht die Absicht“, erklärt sie. Es sei eher um die Darstellung gegangen, wie Menschen aus ihren Puppen oder Masken heraus- und hineinkommen – Insekten wiederum die „Verpuppung“ der Menschen annehmen.

Direkt daneben die Eisenvögel von Chris Kircher, die so herrlich lebendig und präsent sind. „Sie dürfen so sein, wie sie sind, ein bisschen doof und halt ungezähmt“, lacht Chris Kircher. Und da ist dann auch das Stichwort gefallen „ungezähmt / wild“ oder auch „Indomitus“ – der Titel der Ausstellung. Eine Überschrift bzw. Eigenschaften, die von den beiden Künstlerinnen in vielerlei Hinsicht und aus verschiedenen Perspektiven aufgegriffen und kreativ erläutert werden.

Wut und Verletzlichkeit mit Stickereien dargestellt

Zum Beispiel bei den kleinen Kinderkleidern, die Chris Kircher aus Stoffen hergestellt hat, mit denen sie das Wasser aufgewischt hat, mit dem sie wiederum die erhitzten Metallskulpturen abgekühlt hat. „Beautiful Inside“ hat sie die hängende, sehr berührende Installation genannt, die an ein Mobile erinnert. Geradezu aus dem Matsch scheinen die Kleinen gekommen zu sein, die diese liebevoll genähten Leinenkleider getragen haben könnten. Doch die roten Stickereien darauf imitieren gleichzeitig Verletzungen, die Kinderseelen erleiden können: „Es geht um Wut, Verzweiflung und Verletzlichkeit, die ich hier ganz ungebändigt und direkt zeige.“

Dem Thema Erinnerung nähert sich Marina Sinjeokov Andriewsky, übrigens ist sie Artlantis Herbstsaison-Preisträgerin 2017 und Vereinsmitglied, ebenfalls auf sehr überraschende Weise: „Ich musste feststellen, wie die Erinnerung an das Gesicht meines Vaters nach seinem Tod immer mehr verblasste.“ Ihr Gedächtnis an ihn funktioniere jedoch hervorragend hinsichtlich seiner Kleidung und Gesten. So kam sie auf die Idee der „Cuprum Serie“, die verblüfft und berührt. Hierbei beschäftigt sie sich mit den Kleidern der von uns Gegangenen – Kupferblatt auf schwarzem Papier, während die Gesichter lediglich diffus gezeichnet sind.

Nicht nur Vögel hat Chris Kircher aus Schrott geschweißt. Besonders in Szene gesetzt haben die beiden Künstlerinnen ihre Mädchenköpfe, die gar nicht so aussehen, aber tatsächlich aus 50 bis 60 Einzelteilen bestehen – ebenso wie die zwei Tanzschuhe auf den kleinen Sockeln am Boden: „Inspiriert wurde ich hierzu durch ein berührendes Mahnmal in Budapest zur Erinnerung an die Pogrome an Juden während des Zweiten Weltkrieges.“ Hierfür wurden sechzig Paar Schuhe aus Metall am Donau-Ufer angebracht in Erinnerung an jene, die dort in den Strom geschossen wurden.

Kleine Werkstatt für Experimentierfreudige

In der Ausstellung wurde übrigens eine kleine Werkstatt eingerichtet, die auch für Laien der Materien interessant sein dürfte. Denn dort erhalten Besucher*innen unter Anleitung der Künstlerinnen  einen kleinen Einblick in die Welt der Pflanzenfarben und wie sich aus Eicheln, rostigem Eisen und Wasser eine lichtechte Tinte herstellen lässt. Und wer sich darauf einlässt, wird erleben, was für abwechslungsreiche Kompositionen sich mittels Federn, Zweigen, Moos, Buntstiften oder Kupferblatt auf Papier festhalten lassen.

Öffnungszeiten:

Die Ausstellung ist wegen der Corona-Maßnahmen bis zum 18. April geschlossen.

Ab dem 19. April kann sie wieder bis zum 9. Mai voraussichtlich zu den normalen Öffnungszeiten besichtigt werden. Diese sind freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Es gibt auch die Möglichkeit, Termine außerhalb der Öffnungszeiten zu vereinbaren. Per Mail unter mail@chris-kircher.de oder marinasinjeokov@yahoo.de, telefonisch wiederum unter 0157-59558968 (Marina Sinjeokov) und 0160-5068244 (Chris Kircher).

Eine virtuelle Führung - Film von Jessica Büttel